Die Tübinger Medizintechnik-Firma Erbe hat das erst kürzlich geschlossene Abbott-Werk in Rangendingen gekauft. Dort sollen künftig OP-Instrumente hergestellt werden. Zugleich wird der Tübinger Hauptsitz kräftig erweitert – für insgesamt 36 Millionen Euro.
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Volker Rekittke
Seit 2003 hatte die Medizintechnik-Firma Abbott Vascular Instruments Deutschland GmbH ihren Sitz in Rangendingen. Ende September schloss der Mutterkonzern den Standort, 260 Arbeitsplätze gingen in Rangendingen verloren. Bereits im Mai 2012 will der neue Eigentümer des Produktions- und Bürogebäudes, die Tübinger Erbe Elektromedizin GmbH, dort mit zunächst 50 Mitarbeitern – es könnten später deutlich mehr werden – mit der Produktion von sterilen OP-Instrumenten starten.Bild: Franke
Tübingen. „Wir verlagern nicht, wir expandieren.“ Auf diesen Unterschied legt Christian Erbe großen Wert. Dem Geschäftsführer von Erbe Elektromedizin geht es um die „Stärkung unseres Stammhauses in Tübingen“. Auch hier will Erbe in den kommenden drei bis vier Jahren viel Geld investieren: insgesamt 36 Millionen Euro in verschiedene An-, Um- und Neubauten.
Doch erstmal hat Erbe in Rangendingen – zwischen Hirrlingen und Hechingen gelegen – kräftig zugelangt: Der Tübinger Unternehmer hat das ehemalige Abbott-Werk mit 5100 Quadratmetern Gebäudefläche gekauft. Bereits von Mai an sollen dort zunächst 50 Erbe-Mitarbeiter sterile OP-Instrumente zum Einmalgebrauch herstellen – unter anderem Elektrochirurgie-Zubehör („BiCision“).
Doch warum der Sprung nach Rangendingen? „Das war für uns ein glücklicher Zufall“, sagt Christian Erbe: In den Räumen der einstigen Medizintechnikfirma – Abbott stellte hier Herzkatheter her – gibt es 835 Quadratmeter große Fertigungsflächen, auf denen Erbe seine sterilen OP-Instrumente unter Reinraumbedingungen produzieren kann. Der Abbott-Konzern hatte Ende September das Gros seiner Kapazitäten in die Schweiz verlagert. Am Rangendinger Standort gingen 260 Arbeitsplätze verloren.
Doch für Erbe ging es beim Kauf des Abbott-Werks nicht nur um Reinräume: „Wir mussten uns Flächen für die Expansion sichern.“ Denn beim Tübinger Hersteller von Systemen für die Elektrochirurgie, Gefäßversiegelung, Kryo-Chirurgie und Wasserstrahl-Chirurgie geht es – nach einer kurzen Delle 2009 – bei Umsatz, Gewinn und Mitarbeiterzahl immer weiter aufwärts (siehe Kasten unten).
In Tübingen werden
36 Millionen investiert
Für die langfristige Expansion der Firma reichte das Tübinger Flächenangebot offenbar nicht aus: In Gesprächen mit Verwaltung und Stadträten, so Erbe, sei ihm signalisiert worden, dass die Universitätsstadt in den kommenden Jahren wohl keine neuen Gewerbeflächen entsprechender Größenordnung ausweisen werde. Auf dem Abbott-Gelände in Rangendingen stehen dem Unternehmen – zusätzlich zu den bestehenden 5100 Werks-Quadratmetern – weitere 20 000 Quadratmeter als Erweiterungsfläche zur Verfügung.
Weil all dies vermuten lässt, dass Erbe Elektromedizin in Rangendingen noch einiges vorhat, betont auch der zweite Geschäftsführer Reiner Thede: „Eine Standortverlagerung ist für uns kein Thema.“ Man will also Tübingen treu bleiben – und hier bis 2015 gut 36 Millionen Euro investieren.
In diesem Jahr hat das Unternehmen eine 1500 Quadratmeter große Halle und Büros an der Ernst-Simon-Straße 16 gekauft – dort hatte das Tübinger Uniklinikum einen Experimental-OP eingerichtet, den es vor zwei Jahren wieder aufgab. Für zwei Millionen Euro lässt Erbe das Gebäude derzeit umbauen – dort sollen schon bald unter anderem der technische Ausbildungsbereich und der Musterbau einziehen.
Mitte kommenden Jahres will man mit einem Anbau ans Hauptgebäude an der Waldhörnlestraße beginnen. Dort soll ein vergrößertes Tagungs- und Schulungszentrum untergebracht werden, außerdem das Betriebsrestaurant und zusätzliche Büros. Die Erweiterung soll 2014 fertig werden. Weil dadurch etwa ein Drittel der schon heute knappen Mitarbeiter- und Kunden-Parkplätze wegfallen wird, will Erbe möglichst bald ein bis zu viergeschossiges Parkhaus mit rund 8000 Quadratmetern Stellfläche für 300 Autos bauen.
Auf einem bislang unbebauten Grundstück auf der anderen Seite der Steinlachwasen-Straße soll im ersten Bauabschnitt (bis 2014/15) ein Innovationszentrum errichtet werden – mit mehr als 8000 Quadratmetern auf bis zu fünf Stockwerken. Zum Vergleich: Das bisherige Erbe-Forschungs- und Entwicklungsgebäude hat mit rund 2000 Quadratmetern nur knapp ein Viertel der geplanten Fläche. Erbe: „Wir platzen dort aus allen Nähten.“ Gut hundert Mitarbeiter/innen beschäftigt die Firma mittlerweile in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung, der Bereich wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren stark ausgebaut.
Das Gelände am Mühlbach hat sich Erbe schon gesichert. Der Gemeinderat hat für den Bau des Innovationszentrums bereits grundsätzlich Zustimmung signalisiert. Nun muss allerdings noch ein Bebauungsplan für das Areal beschlossen werden. Auf dem Grundstück wäre dann sogar noch Platz für einen zweiten Bauabschnitt.
Erbe Elektromedizin legt bei Umsatz und Mitarbeitern zu
Nach Stagnation im Krisenjahr 2009 legt Erbe beim Umsatz 2010 um satte 15,5 Prozent zu. Der Konzernumsatz (zwölf Tochterfirmen weltweit) wuchs auf 147 Millionen Euro. In der GmbH (Deutschland, überwiegend Tübingen) wurde 2010 erstmals in der Firmengeschichte die 100-Millionen-Euro-Grenze überschritten. Auch für 2011 erwartet Erbe wieder ein spürbares Umsatzplus.
Das 1847 in Tübingen gegründete Unternehmen hat knapp 700 Beschäftigte, mehr als 400 davon arbeiten in Tübingen. In über hundert Länder liefert die Medizintechnikfirma Hochfrequenz-Chirurgiesysteme und Endoskopie-Zubehör.
Der Exportanteil liegt bei 80 Prozent. Immer wichtiger wird das Geschäft mit Boom-Ländern wie China. Dort rüstet die Regierung seit etwa zwei Jahren hunderte Krankenhäuser nach westlichem Standard aus – und Erbe ist mit dabei.