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Ein Schwarz-Grüner zeigt Flagge

Ex-Minister Andreas Renner will für Stuttgarter OB-Sessel kandidieren

Stuttgarts OB-Sessel ist begehrt: Auch Andreas Renner (CDU) will antreten. Ob die Partei ihn oder den parteilosen Sebastian Turner nominiert, ist offen. Mit dem Grünen Fritz Kuhn wartet ein gewichtiger Gegner.

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BETTINA WIESELMANN
Artikelbild: Ex-Minister Andreas Renner will für Stuttgarter OB-Sessel kandidieren Das Stuttgarter Rathaus: Am 7. Oktober wird über die Nachfolge des amtierenden Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster abgestimmt. Archivfoto

Der Ort passt zum Kandidaten. Andreas Renner hat die Presse in die "Academie der schönsten Künste" geladen, das Szene-Café mit dem Bohemien-Flair, wo sich Stuttgarter Freiberufler, Studenten, aber auch Juristen aus dem nahen Gericht in den Pausen zwischen zwei Terminen treffen. Im dicht gefüllten Nebenraum begründet der angereiste 52-jährige Christdemokrat Renner, dem noch niemand Sinn für Lebensqualität abgesprochen hat, warum er nach "einer meiner schwierigsten politischen Entscheidungen" ins offene Rennen um den genau in elf Monaten frei werdenden Oberbürgermeistersessel einsteigt. Nachdem der CDU-Kreisvorsitzende Stefan Kaufmann neulich überraschend seinen Favoriten, den parteilosen Werbe-Unternehmer Sebastian Turner, als hoffnungsvollen Schuster-Nachfolger präsentiert hatte, "bin ich fast bestürmt worden".

Artikelbild: Ex-Minister Andreas Renner will für Stuttgarter OB-Sessel kandidieren Andreas Renner (CDU): Bin fast bestürmt worden. Foto: dpa

Viele in der CDU wollen, dass gerade vor dem Hintergrund, dass die Grünen und Roten das Sagen im Land haben, in der Landeshauptstadt bewusst die Parteiflagge gezeigt wird. Freilich eine besondere. Von Renner, der schon vor 20 Jahren Schwarz-Grün propagiert hatte, versprechen sich nämlich nicht nur die Jungunionisten, Wähler aus dem oft genug grün-geneigten Bürgertum abholen zu können. Am 17. März sind die 3250 Stuttgarter Christdemokraten aufgefordert, sich zwischen den beiden Kandidaten zu entscheiden. Vorher gibt es vier CDU-öffentliche Präsentationsmöglichkeiten, sagte der auf Renners Wunsch anwesende Kaufmann.

Dass schon der innerparteiliche Wahlkampf in der chronisch zerstrittenen CDU kein Spaziergang wird, weiß Renner. Fair soll es zugehen "und keiner beschädigt werden, weder Kandidaten noch der Kreisvorsitzende". Natürlich hat der erfahrene Politiker "hohen Respekt vor der Aufgabe im Stuttgarter Rathaus, ich weiß, auf was ich mich einlasse". Mit Haut und Haar, wie er sagt. Der gebürtige Stockacher und bekennende Fastnachts-Fan, der in Konstanz Verwaltungswissenschaften studiert hatte, weiß aber, dass er einiges in die Waagschale werfen kann: Mit 34 Jahren wurde Renner in Singen jüngster OB im Land, auch die zweite Volkswahl in der 45 000 Einwohner zählenden Industriestadt bestand er mit Bravour.

Dann holte Günther Oettinger seinen unkonventionellen, für eine moderne, urbane CDU stehenden Freund mit dem Brilli im Ohr (inzwischen nur noch ab und an) im April 2005 in sein erstes Kabinett. Die Zeit als Sozialminister "hätte nach meinem Geschmack länger sein können", spielte Renner gestern selbst auf seinen Rücktritt im Januar 2006 an. Vorausgegangen war eine flapsig-ungehörige Äußerung, die sich der katholische, zum dritten mal verheiratete Minister gegenüber dem Rottenburger Bischof erlaubt hatte. Auch fehlt in keinem Archiv-Eintrag zu Renner, dass er über den US-Präsidenten Bush einst sagte, der gehöre "abgeschossen". Das CDU-Bundesvorstandsmitglied zog sich bis hin zur Kanzlerin geballte Kritik zu. Den damaligen ENBW-Chef Utz Claassen nannte Renner einen "Rambo" - und durfte gleichwohl beim Energieversorger wieder einen Job bekommen.

"Er hat ein freches Mundwerk", sagt einer, der ihn lang kennt, "aber er ist ein Typ." Renner selbst sieht einen Schlussstrich gezogen: "Ich habe die politische Strafe dafür persönlich getragen, das kann nicht jeder von sich behaupten." Im Übrigen sei er älter, zurückhaltender, angemessener geworden.

Am Donnerstag wird die grüne Findungskommission mutmaßlich einstimmig ihren Favoriten Fritz Kuhn der Partei für die Kandidatenwahl am 15. März vorschlagen. "Das ist schon eine Hausnummer", sagt Renner anerkennend über den Berliner Polit-Profi mit der langen baden-württembergischen Geschichte. Kuhn sind Turner wie Renner "willkommen. Ich setze auf einen fairen Wahlkampf und die guten Argumente."

Aufs Argumentieren versteht sich der in Bad Mergentheim geborene und in Memmingen aufgewachsene Kuhn. Gelernt hat es der 56-jährige Sprachwissenschaftler in den Rhetorikseminaren an der Uni Tübingen. Angewandt dann ab 1980 als Mitbegründer der Grünen in unzähligen Parteidebatten, in den zwölf Jahren, die er dem Landtag bis 2000 angehörte und im Bundestag, wo er als Abgeordneter von Heidelberg seit 2002 sitzt.

"Fischers Fritz" hat man den analytischen Kopf und engen Weggefährten des früheren Außenministers Joschka Fischer genannt. Der Realo, der einst als Juso mit der Politik begann, war Sprecher der Grünen im Bund, Fraktionschef im Bundestag. Nach Fischers Rückzug verblasste sein Stern etwas. Dass Ökonomie und Ökologie zusammengehen, grüne Politik schwarze Zahlen schreiben kann, davon ist der nicht nur finanzpolitisch beschlagene Kuhn zutiefst überzeugt. In Stuttgart erinnern sich viele an den sehr ehrgeizigen, machtbewussten und auch listenreichen Politiker, den auch ein Lothar Späth mit Abstand am spannendsten im Landtag fand.

Einen "exzellenten Kandidaten" nannte der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann gestern den zumindest vorläufigen Stuttgart-Rückkehrer. Für OB-Wahlen war Kuhn schon oft umworben worden, in Stuttgart soll es nun ernst werden. 1996 hatte dort der Grüne Rezzo Schlauch ein äußerst achtbares Ergebnis geholt. Man wird sehen, ob er Kuhns Wahlhelfer wird. Zweimal nämlich hat Schlauch schon in Singen für den Freund Renner Wahlkampf gemacht. Renner hätte Verständnis, wenn Schlauch dieses Mal "grün sauber bleibt".

08.02.2012 - 08:30 Uhr

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