Ist ein chinesischer Funktionär in ein US-Konsulat geflohen? Gerüchte behaupten das. Jedenfalls werden die Machtkämpfe in Chinas Partei heftiger.
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BERNHARD BARTSCH
Peking Es klingt wie ein Politthriller: In einem US-Konsulat in China beantragt ein Spitzenkader der Kommunistischen Partei politisches Asyl. Peking verlangt die Herausgabe des Überläufers, doch Washington kann sich darauf nicht einlassen, weil der Geheimdienst auf sein Insiderwissen brennt und ihm im Falle einer Auslieferung die Todesstrafe droht. Das Konsulat wird zum weltpolitischen Panikraum, in das die Chinesen nicht eindringen können, ohne einen Krieg zu provozieren, aus dem die Amerikaner ihren Schützling aber auch nicht in Sicherheit bringen können.
Der Plot und seine Varianten beflügeln derzeit die Fantasie der chinesischen Internetgemeinde. Denn in Blogforen kursiert das Gerücht, dass tatsächlich ein ranghohes Parteimitglied Asyl im US-Konsulat in der Stadt Chengdu gesucht haben könnte: Wang Lijun, Vizebürgermeister der Metropole Chongqing und landesweit bekannter Korruptionsermittler. Zwar ist die Beweislage dünn, doch selbst wenn Wang nicht geflohen sein sollte, scheint er im Zentrum eines Machtkampfes zu stehen, der zeigt, wie die Parteifraktionen vor dem im Herbst anstehenden Generationenwechsel aufeinander losgehen.
Das Gerücht nährt sich aus zwei Indizien: Zum einen wurde das US-Konsulat überraschend von der Polizei umstellt. Angebliche Augenzeugen wollen vor dem Gebäude eine Limousine mit Chongqings Behördenkennzeichen gesehen haben. US-Diplomaten in Peking bestätigten den Polizeieinsatz und erklärten, dieser sei nicht von ihnen veranlasst worden. Zum anderen ist Wang plötzlich aus der Öffentlichkeit verschwunden, wofür Chongqings Regierung eine ungewöhnliche Erklärung hatte: Der 52-Jährige habe unter enormem Stress gelitten und unterziehe sich nun einer "urlaubsähnlichen Behandlung".
Wang galt als engster Vertrauter von Chongqings charismatischem Parteichef Bo Xilai, der als eine der Schlüsselfiguren der nächsten Führungsmannschaft gilt und zum Lager des designierten Präsidenten Xi Jinping zugerechnet wird. Gemeinsam mit Wang, ehemals Chongqings Polizeichef, hatte Bo eine beispiellose Antikorruptionskampagne durchgeführt, über die dutzende hohe Parteifunktionäre gestürzt waren.