Eine Krawatte führte nach 20 Jahren zum Täter: Die Heidelberger Polizei ist sicher, den Mord an einer 17-Jährigen geklärt zu haben. Einen Prozess wird es nicht geben - der Verdächtige hat sich umgebracht.
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HANS GEORG FRANK
DNA-Spuren an dieser Krawatte führten die Polizei nach 20 Jahren offenbar zum Täter in einem ungelösten Mordfall. Doch er lebt nicht mehr. Foto: dpa
Heidelberg. Bianca K. ist im Sommer 1991 einige Tage nicht mehr an ihrer Lehrstelle erschienen. Das 17 Jahre alte Mädchen aus Erfurt absolvierte in einem vornehmen Heidelberger Hotel eine Ausbildung zur Restaurant-Fachfrau, als ihr Chef am 14. August 1991 bei der Polizei Vermisstenanzeige erstattete. Zu dem Zeitpunkt war sie schon mehrere Tage tot. Am 10. August war in einem Waldstück bei Besancon (Frankreich) ihre Leiche entdeckt worden. Dass es sich bei der Toten um Bianca K. handelte, wurde jedoch erst sieben Monate später zweifelsfrei festgestellt, nachdem die Heidelberger Polizei endlich über den 370 Kilometer entfernten Fund informiert wurde. Die französischen Kommissare waren lediglich davon ausgegangen, dass der Fundort nicht der Tatort gewesen sein konnte.
Bianca K. wurde im August 1991 tot aufgefunden. Foto: dpa
Die Auszubildende - sie war nach der deutschen Einigung aus der thüringischen Hauptstadt nach Baden-Württemberg gekommen - war mit einer Krawatte erdrosselt worden. Dieses Beweisstück konnte damals einem Tatverdächtigen nicht zugeordnet werden.
Die Fahnder hatten zwar herausgefunden, dass Bianca seit dem 16. Lebensjahr ein intimes Verhältnis mit ihrem damals 63-jährigen Großonkel gehabt hatte. Vom Bruder ihres Großvaters wollte sie nichts mehr wissen, als sie sich in einen Gleichaltrigen verliebt hatte. Die Sonderkommission musste aufgelöst werden, ohne den Mörder trotz intensiver offener und verdeckter Ermittlungen überführt zu haben. Die Akten wurden zum Fall für das Archiv.
Bei der systematischen Durchsicht aller ungeklärten Mordfälle im Großraum Heidelberg konnten jetzt neue Techniken eingesetzt werden. Spezialisten des Landeskriminalamtes isolierten DNA-Material des Großonkels im Speichel von Briefmarken für drei Ansichtskarten, die er bereits 1983 von seinen ausgedehnten Touren als Fernfahrer verschickt hatte. Dieser "genetische Fingerabdruck" wurde verglichen mit winzigen Spuren, die an der Krawatte zurückgeblieben waren. Volltreffer: Mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 16 Billiarden stammte das Erbgut am Tatwerkzeug von dem Verwandten.
Für die Heidelberger Kriminalisten ergibt sich damit ein dringender Tatverdacht gegen den Großonkel. Sie sehen im Ende des sexuellen Verhältnisses auch "ein eindeutiges Motiv", habe Bianca doch mit einem anderen, jüngeren Mann zusammenleben wollen.
Zudem habe der Großonkel sich im Raum Besancon wohl ausgekannt, da er durch diese Gegend im Burgund bei seinen Truckertouren von Deutschland nach Spanien häufig gefahren sei. Als weiteres Indiz werden Faserspuren auf dem Beifahrersitz seines Personenwagens angesehen - sie konnten dem T-Shirt zugeordnet werden, das Bianca K. zuletzt getragen hatte.
Staatsanwalt und Kriminalpolizei sind "nach einer Bewertung der Gesamtumstände" überzeugt, dass der Mann Bianca ermordet hat. Der genaue Zeitpunkt des Verbrechens und der Tatort seien freilich nicht mehr zu ermitteln.
Ein Haftbefehl kann nicht mehr erlassen werden. Der Tatverdächtige habe sich im Dezember 2000 in der Nähe von Bruchsal das Leben genommen, teilten Staatsanwaltschaft und Polizeidirektion gestern mit. Das Ermittlungsverfahren sei daher "formell eingestellt" worden.
Seit Mai 2004 werden von der Heidelberger Polizei alle nicht gelösten Fälle systematisch auf neue Ansätze mit kriminaltechnischen Mitteln überprüft, die zum Tatzeitpunkt noch unbekannt oder unausgereift waren. Dabei fällt Asservaten wie Kleidungsstücken oder Tatwaffen eine besondere Bedeutung zu.
Diese Aufarbeitung von insgesamt 28 Kapitalverbrechen seit dem Jahr 1954 im Rhein-Neckar-Raum hat bereits im September 2008 zu einem Erfolg geführt. Damals wurde ein 54 Jahre alter Mann aus Mannheim festgenommen, dem nachgewiesen werden konnte, dass er am 15. Juni 1980 in Leimen den 60-jährigen Hans W. umgebracht hatte. Das Landgericht Heidelberg verurteilte ihn im Juli 2009 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wegen Mordes.