Niedrige Zinsen bescheren Handwerkern einen Bauboom
Die Inflation entwertet derzeit so gut wie alle einigermaßen sicheren, aber extrem niedrig verzinsten Geldanlagen bei Sparkassen und Banken. Wer nicht auf Aktien oder Edelmetall setzen möchte, der investiert sein Geld lieber in die eigenen vier Wände: Betongold. Das beschert den Handwerkern einen Auftragsboom.
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Volker Rekittke
Gut für Klima und Geldbeutel: energetische Altbausanierung im David-von-Stein-Weg in Bühl. Thomas Pfeffer und Partnerin lassen das Haus von 1956 rundum einpacken – gedämmt werden Fassade und Dach. Geheizt und geduscht wird künftig mit Solarthermie (zwölf Quadratmeter Module) und einem Kachelofen samt Wassertasche und Tausend-Liter-Schichtspeicher. Für ganz eisige Nächte gibt’s auch noch eine Gasheizung, die zugeschaltet werden kann.Bild: Sommer
Kreis Tübingen. Zinsen fürs Ersparte? Fehlanzeige: Gerade mal ein bis eineinhalb Prozent gibt’s derzeit auf der Bank für bis zu zweijährige Anlagen. Unter zwei Prozent sind es, wenn man sein Geld dem Kreditinstitut für fünf Jahre anvertraut. Das ist viel zu wenig, um auch nur die Inflationsrate auszugleichen. Die lag im Südwesten im Januar bei 2,2 Prozent, vergangenes Jahr im Schnitt sogar bei 2,4 Prozent. Das bedeutet: „Wenn ich mein Geld derzeit sicher anlegen will, verliert es an Wert“, sagt Thomas Taubenberger vom Vorstand der Volksbank Tübingen.
Wer keinen Nerv hat, täglich auf teils heftig schwankende Depot-, Aktien- oder gar Gold-Kurse zu starren, der investiert zurzeit mit Vorliebe ins eigene Heim. Entweder mit Geld vom Niedrigzins-Kredit oder mit fast schon historisch niedrigem Baugeld – bei zehnjähriger Laufzeit liegt es aktuell bei etwa drei Prozent. Beliebt sind laut Volksbank-Vorstand Taubenberger auch Sanierungskredite. Die werden häufig für energetische Umbauten verwendet: Wände und Dach werden gedämmt, dazu kommen neue Fenster, eine Holzpellet-Heizung in den Keller und eine thermische Solaranlage (für Warmwasser und Heizung) aufs Dach. Das lohnt sich, weil auch die Preise für konventionelle Heizstoffe weiter in die Höhe schnellen: Gas legte im vergangenen Jahr um sieben Prozent zu, Fernwärme um 7,4 Prozent, Heizöl sogar um 17,4 Prozent, meldet das Statistische Landesamt Baden-Württemberg.
„2011 war ein sehr gutes Jahr für das Bau- und das Ausbaugewerbe“, sagt Kreishandwerksmeister Gebhart Höritzer. Viele Dachdecker und Stukkateure, Zimmerer und Glaser, Elektriker und Heizungsbauer hätten derzeit noch einen Auftragsüberhang, den sie mit ins neue Jahr genommen haben. Die Aussichten für 2012 beschreibt Höritzer denn auch als „positiv“.
„Lieber ins Eigenheim investieren, als zuzuschauen, wie das Geld auf dem Konto immer weniger wert ist“ – solche Sätze hört Höritzer immer wieder von Kunden seines Dachdeckerbetriebs. Was ihm auffällt: „Die meisten zahlen aus eigener Tasche, Kredite nimmt der Schwabe nicht so gern.“ Wofür wird das Geld ausgegeben? „Das meiste läuft in der Sanierung – da gibt’s auch noch ein Riesenpotenzial.“ Und noch eine Tendenz stellt der oberste Kreishandwerker fest: Die Kundschaft würde wieder mehr auf Qualität achten: „Hauptsache billig – das ist nicht mehr so der Renner.“
Solarkollektor aufs Dach, Pelletheizung im Keller
„Super lief’s vergangenes Jahr“, sagt Robert Biesinger: „Die Leute nehmen grad’ richtig Geld in die Hand.“ Der Chef der Wendelsheimer Firma Ro-Bi-Tec installierte 2011 gut 250 Quadratmeter Solarthermie-Kollektoren auf die Häuser seiner Kunden – und setzte etliche Holzpellet-Heizungen in deren Keller. Bei einer Kombination von beiden Technologien, so Biesinger, ließen sich je nach Ausführung bis zu drei Viertel der Heizkosten für Öl oder Gas sparen. Wer sich für eine Nachrüstung entscheidet, müsse zwar 20 000 (nur Solaranlage) bis knapp 40 000 Euro (Solar und Pelletheizung) in die Hand nehmen, aber: „Das Geld bringt hier richtig Rendite.“
Dass die Leute mehr Geld in die eigenen vier Wände stecken, kann auch Volkmar Bahlinger bestätigen. Der Geschäftsführer des Stukkateurbetriebs Göhring in Unterjesingen glaubt, dass 2012 ein „ordentliches Jahr“ für seinen Betrieb wird: Häuser von Keller bis zum Dach einpacken rechnet sich für viele Besitzer eines Altbaus. Und dabei wird nicht nur eigenes Geld investiert, so Bahlinger: „Die Zinsen sind grad’ unschlagbar günstig. Wenn jemand beim Thema Energiesanierung was machen will, dann jetzt.“
Sparkasse und Volksbank: starkes Plus bei Immobilienkrediten
Hauseigentümer investieren derzeit verstärkt in ihre vier Wände. Es geht aber auch richtig was im Neubau – hier allerdings überwiegend im Steinlachtal, so Kreissparkassen-Sprecher Klaus Rein. „Wir hatten 2011 eine sehr hohe Nachfrage nach Immobilien-Finanzierungen.“ Auch Volksbank-Vorstand Thomas Taubenberger meldet für 2011 stark ansteigende Kreditvolumina im Neubau- und Sanierungsbereich: plus 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Wir finden längst nicht mehr so viele Häuser und Wohnungen, wie gesucht werden.“
Auch im Steinlachtal oder Rottenburg zögen die Immobilienpreise an, sagt Klaus Rein. In Tübingen jedoch übersteige die Nachfrage das Angebot so sehr, dass die ohnehin schon hohen Preise hier noch stärker zulegten.
„Das Geld will in die Immobilie“, beobachtet der Tübinger Baubürgermeister Cord Soehlke. Nicht zuletzt das Engagement auswärtiger Investoren treibe in der Universitätsstadt die Baulandpreise „ordentlich in die Höhe“.