Narren stürmten am Sonntag die Altstadt: Der Rosecker Fasnetsclub Tübingen feierte sein 25-jähriges Bestehen mit einem großen Umzug. Einige tausend Besucher kamen, die sich von der Kälte nicht die Stimmung verderben ließen.
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Sascha Geldermann
Anarchie in der Altstadt: In Tübingen waren die Narren los
Tübingen. Der Lärm in der Altstadt war bereits vor dem Umzug ohrenbetäubend: Zunftmeister rasselten, Hexen verteilten lautstarke Peitschenhiebe und Lumpenkapellen stimmten die ersten Lieder an. Als sich dann die 104 Zünfte in Bewegung setzen, wurde es nicht leiser. Zum 25-jährigen Bestehen des Rosecker-Fasnets clubs wollte Zunftmeister Anton Buch schließlich nicht an Musik sparen: „Daher haben wir 30 Musikkapellen eingeladen.“ Zu diesen gehörte der Musikverein Dieterskirch genauso wie die Lumpenkapelle Lautstark aus Kirchentellinsfurt.
Erst Rauch verbreiten, dann die Leute erschrecken: Tübinger Stadthexen beim Umzug. Freundlicher waren die Unterjesinger Weingärtner (kleines Bild). Bilder: Ulmer
Die fast 50 aktiven Mitglieder des Rosecker-Fasnetsclubs organisieren den Umzug im Wechsel mit der Narrenzunft Tübingen. 60 Helfer des Technischen Hilfswerks unterstützten sie gestern dabei, indem sie unter anderem Eintrittskarten verkaufen. Für Anton Buck bedeutete das Wochenende viel Stress. Von Samstag auf Sonntag hatte er nur eine Stunde Schlaf.
Schließlich hatte er bereits am Samstagabend zum Zunftball in der Hermann-Hepper-Turnhalle geladen. Die Stühle füllten sich dabei anfangs langsam, doch das überraschte Buck nicht: „Narren kommen spät – dafür bleiben sie lange.“ Er behielt Recht: 400 Besucher schunkelten und sangen bis um drei Uhr.
Darunter befand sich auch die Zunft mit der weitesten Anreise: der Verein Laie Gugge Zürich. Den langen Weg haben die Schweizer gerne auf sich genommen: „Fasnet lebt schließlich vom regen Austausch“, sagte Patrick Moser. Er ist zwar nicht der Zunftmeister des Vereins, da es so etwas in der Schweiz nicht gibt: „Aber ich bin derjenige, der diesen chaotischen Haufen hier halbwegs zusammenhält.“
Anton Buck hätte gerne noch mehr Zünfte eingeladen: „Letztendlich mussten wir aber sogar fast 50 Vereinen absagen, da der Umzug zu lang geworden wäre.“ Zu sehen bekamen die Zuschauer genug. Schließlich präsentierten die Zünfte aus der Region, vom Bodensee oder aus dem Schwarzwald aufwändige Kostüme und gaben Purzelbäume zum Besten.
Das Publikum musste nicht nur der Kälte trotzen, sondern sich auch gegen den einen oder anderen Narren zu Wehr setzen. Regelmäßig entrissen Wölfe Kinder aus den Händen belustigter Mütter, während sich Hexen mit Mützen frierender Besucher aus dem Staub machten. Doch immer wieder zeigte sich auch das gute Herz der Hästräger: Wo Kindertränen flossen, brachten sie diese mit Süßigkeiten zum Versiegen.
Die Hästräger genossen die Anarchie in Tübingen sichtlich. Sie verpulverten jede Menge Konfetti und bewarfen das Publikum mit Bonbons oder Nüssen. Gern verbargen sie sich hinter Rauchwolken, um Zuschauer dann wie aus dem Nichts zu erschrecken.
„Ich bin wie immer begeistert von dem Umzug“, sagte Uschi Winterscheidt, die seit Jahren aus Köln angereist kommt. Interessant finde sie immer wieder die verschiedenen Ausrufe der Zünfte – mal etwas anderes als „Kölle Alaaf“. Und so begrüßte sie den Narrenverein Trillfingen mit dem traditionellen „Narri Narro“. Ausgefallener ist der Ausruf des Narrenvereins Biberzunft Andelfingen: „Biber, Biber – nag, nag, nag“. Den längsten Gruß brachte der Esslinger Verein „Zwiebelgoscha“ mit: „Zwiebel brenn, Zwiebel brenn, Zwiebel brennt wie d‘Sau.“
Dabei schrie vor allem Hannah Mayer mit. Die 42-Jährige stammt aus Esslingen. Sie hätte sich mehr Wärme gewünscht, ansonsten war sie aber rundum glücklich: „Mir gefiel der Tübinger Umzug bereits im letzten Jahr super – und damals waren es nur 2000 Kostümierte.“
Die meisten Besucher waren genauso zufrieden mit dem Jubiläumsumzug. Nur einige bemängelten, dass dieser stellenweise Lücken hatte, da manche Zünfte nicht richtig aufschlossen. „Gelegentlich passierte einfach gar nichts, was die Stimmung getrübt hat“, sagte Hartmut Scheibke aus Herrenberg, für den es schon der dritte Fasnets-Umzug an diesem Wochenende war.
Schließlich schafften es die 3800 Narren aber doch in nicht mehr als zweieinhalb Stunden durch die Altstadt. „Das dauert bei so vielen Hästrägern normalerweise länger – dafür muss ich allen Helfern danken“, sagte Organisator Buck. Der Zunftmeister und Gründer des Rosecker-Fasnetclubs war nach dem Jubiläumsumzug „super zufrieden, aber auch sehr müde“. Nach diesem Wochenende freue er sich erst einmal auf eine Ruhephase und auf den Gegenbesuch bei anderen Zünften: „Natürlich reisen wir auch in die Schweiz.“