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Essen und Leute treffen

Warum es Frauen immer wieder in die Vesperkirche zieht

Die eine hilft mit, obwohl sie selber Hilfe brauchen könnte. Die andere genießt es, mal ausspannen zu können, und noch eine andere kann nur in Gemeinschaft essen. In der Vesperkirche treffen sich ganz unterschiedliche Frauen.

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hete henning
Lilia Sauter (rechts) kam jahrelang nur zum Essen. Jetzt hilft sie in der Vesperkirche, obwohl sie ... Lilia Sauter (rechts) kam jahrelang nur zum Essen. Jetzt hilft sie in der Vesperkirche, obwohl sie sich auch um ihre Mutter Varvara Guk (links) kümmern muss. Bild: Mozer

Da ist zum Beispiel Lilia Sauter, 50 Jahre alt und aus Moldawien. In den vergangenen vier Jahren kam sie immer zum Essen in die Vesperkirche. Selber mit anpacken kann sie erst dieses Jahr – zuvor hinderten sie erst die Krücken und dann die Geburt ihrer Enkeltochter daran. Diesmal zieht sie es durch, und das, obwohl seit acht Monaten ihre 77-jährige Mutter bei ihr zu Gast ist, die praktisch rund um die Uhr betreut werden muss. „Allein kann sie gar nicht bleiben“, sagt eine Bekannte von Lilia Sauter und weist auf die alte Frau, die mit Hut auf dem Kopf und Handtasche im Schoß geduldig auf der Heizung sitzt und wartet. Als sie bei ihr in Rottenburg ankam, mit Diabetes, schwer herzkrank und einem offenen Bein, war sie ganz ausgehungert. „Jetzt hat sie zehn Kilo plus“ , freut sich die Tochter.

An einem Tisch auf der anderen Seite des Evangelischen Gemeindesaals sitzt eine 25-jährige Rottenburgerin, die ebenfalls ihre Mutter mitgebracht hat. „Hier kommt man unter die Leute“, findet sie. Mit der Brokkolicremesuppe und den Maultaschen in der Brühe sind die beiden Frauen durch; jetzt wenden sie sich Kaffee und Kuchen zu. Die Tochter war letztes Jahr schon in der Vesperkirche, jetzt ist sie im siebenten Monat schwanger und hofft nach zwei Fehlgeburten, dass diesmal alles gut geht. Ihre 54-jährige Mutter ist erst dieses Jahr dazu gestoßen und hat seither keinen Mittag ausgelassen. „Mir gefällt‘s“, sagt sie, „ich könnt‘ den ganzen Tag hier sitzen und mit den Leuten schwatzen.“ Auch die Unterhaltungen mit Heide Mattheis, einer der Veteraninnen im Organisationsteam der Vesperkirche, tun ihr gut.

Mit den Worten „Ich erzähl’ lieber hier meine Sorgen als dem Pfarrer“, mischt sich unvermittelt eine Tischnachbarin ins Gespräch ein. Die etwa 40-Jährige kommt aus einem Dorf im Gäu. Sie erwähnt Hartz IV, die ganzen Rechnungen, die im Dezember ins Haus flatterten, und dass ihr das Heizöl ausgeht. Außerdem, sagt sie, ohne weiter ins Detail zu gehen, hat sie Kontakt zu Verstorbenen – „ich höre ihre Stimmen“. Bei der Wahl zwischen der Vesperkirche in Horb und der in Rottenburg hat sie sich für Rottenburg entschieden. „Seit bei uns der Schlecker zugemacht hat, kann ich hier auch gleich einkaufen.“

Kurz nachdem die Frau aus dem Gäu gegangen ist, kommt eine andere etwa im gleichen Alter an den Tisch, pellt sich aus der dicken Jacke und stellt ihren Rucksack unter den Stuhl. „Ich esse immer nichts, wenn ich alleine bin“, sagt sie ohne große Umschweife. Seit ihre Tochter beim Vater wohnt, ist sie viel allein, da tun die warmen Mahlzeiten in der Vesperkirche gut. Wenn das Mädchen am Wochenende bei ihr ist, dann kocht und backt sie ohne Ende. „Für mich allein mag ich nicht kochen“, sagt sie. „Da esse ich nur Brote.“ Es wird ein langes, intimes Gespräch. Die Tochter, stellt dabei heraus, war schon ein paar Wochen lang nicht mehr da.

Mariannina Mamuti hat solche Probleme nicht. Sie gehört zu den sogenannten Solidar-Essern, die mit ihrem finanziellen Beitrag dafür sorgen, dass die Vesperkirche kein allzu großes Minus macht. Gleichzeitig genießt die alleinerziehende Mutter zweier Kinder den inneren Freiraum, den die Vesperkirche ihr gibt. Der zwölfjährige Sohn ist noch in der Schule, die Fünfjährige im Kindergarten. „Es ist schön“, sagt die Rottenburgerin, „mal nichts machen zu müssen und abschalten zu können. Es geht zwar nur drei Wochen, aber die sind wie Weihnachten.“ Mamuti ist 37 Jahre alt und arbeitet für die Caritas. Am Wochenende nimmt sie ihre Kinder mittags mit in die Vesperkirche – „die spielen dann hier“. Essen gehen könnte sie durchaus auch woanders, „aber dann eben nur einmal in der Woche“.

Info: Die Vesperkirche im evangelischen Gemeindezentrum ind er Kirchgasse geht noch bis Sonntag, 12. Februar, täglich von 11 bis 14.30 Uhr.

04.02.2012 - 08:30 Uhr

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