Ob in der Obstplantage oder im Kleingarten: Wildbienen helfen die Bestäubung sichern, sagt Meinrad Lohmüller
In den USA bedienen sich Pflanzenzüchter seit über 50 Jahren verschiedener Wildbienenarten, um Saatgut zu vermehren. Weil die Honigbiene im Bestand zurückgeht, dürfte auch hierzulande immer mehr Bedarf an ihren wild lebenden Verwandten bestehen.
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WALTHER PUZA
Mehrere Brettchen übereinandergelegt ergeben Nistplätze für zig Mauerbienen: Meinrad Lohmüller (Bild) zeigt die Neukonstruktion, die auf 50 Jahre alten amerikanischen Vorbildern basiert und es möglich macht, Kokons zur Prüfung oder zur winterlichen Lagerung in einem kühlen Raum herauszunehmen. Bild: Mozer
Rottenburg. Dank des Projekts Wildbienenschutz sind in Rottenburg vielerorts Baumscheiben und Tonziegel voller kleiner runder Öffnungen zu sehen, die allerlei Wildbienenarten Nistraum bieten. Im Weggental gibt es seit Jahren einen Wildbienenpfad. Nun wirbt Projekt-Initiator Meinrad Lohmüller dafür, zwei Wildbienenarten für die Bestäubung von Obstbäumen einzusetzen: „In Japan“, weiß er, „werden heute schon 75 Prozent der Apfelanlagen durch die heimische Mauerbiene bestäubt.“
Weniger Imker,
weniger Honigbienen
Dahinter steckt eine Problematik, die in Deutschland zuletzt im vergangenen Jahr für Schlagzeilen sorgte: Die Zahl der Honigbienen nimmt ab. Das liege nicht nur am durch Gift und Milben verursachten Aussterben von Bienenvölkern, so Lohmüller: „Die Imker werden altersbedingt auch weniger.“ Weil keiner wisse, wie sich die Situation der Honigbienen weiter entwickle, propagiert er, die Gehörnte sowie die Rostrote Mauerbiene als Unterstützer der Honigbiene bei der Bestäubung einzusetzen.
Hier scheint garantiert das passende Löchlein für jedes Wildbienchen dabei zu sein: verschiedene Nistplatz-Angebote im Garten von Meinrad Lohmüller. Bild: Mozer
Nötig seien Insekten für diesen Akt auf jeden Fall, so der Fachleiter für Biologie am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung in Reutlingen. Die modernen Obstsorten könnten nicht wild, also durch vom Wind hergeflogene Pollen bestäubt werden. Und kein anderes Insekt sei so fleißig und günstig wie die Wildbiene, im speziellen die Mauerbiene: „Ein Mauerbienenweibchen bringt etwa die Leistung von 80 bis 300 Honigbienen, weil es länger auf der Blüte verweilt und den mit dem Bauch gesammelten Pollen trocken, also getrennt vom Nektar, überträgt“, sagt Lohmüller.
Es braucht 800
Tiere pro Hektar
Gerade ließ er Holzbrettchen und Pappröhrchen als Nisthilfen anfertigen, die von der Größe genau auf die Gehörnte und die Rostrote Mauerbiene angepasst sind. Die Brettchen sind ein wenig teurer, aber 20 der Pappröhrchen sind schon für 2,50 Euro zu bekommen. Jedes Röhrchen böte Platz für acht Kokons, erzählt der 62-Jährige. Mit 20 Röhrchen könnte ein Obstbauer also schon 160 Mauerbienen züchten. Pro Hektar Plantagenfläche gibt Lohmüller einen Bedarf von 600 bis 800 Tieren an: „Wenn der Obstbauer ein bisschen längerfristig denkt, wenn er sich eine Nisthilfe besorgt und aufhängt, hat er schon in einem Jahr soviel Grundlage an Besiedlung, dass es für ihn ausreicht.“
Die Nisthilfe macht
den Züchter
Zum Züchter wird dabei, wer in diesem Frühjahr irgendwo an seinem Haus im Siedlungsbereich regengeschützt und am besten in sonniger Südostlage eine Nisthilfe aufhängt, wie sie Lohmüller auf dem Foto zeigt. „Die Wildbienen sind rund ums Haus.“ Und das soll es dann auch schon gewesen sein mit der Zucht. Die Mauerbienen füllen die Nistgänge von Mitte März bis Ende Mai mit ihrer Brut. Lohmüller: „Und im nächsten Jahr kann der Züchter die Kokons ausbringen“, also die neuen Bienen an ihrem Bestimmungsort in der Obstanlage schlüpfen lassen.
Freilich könnten die Kokons im Winter aus den Brettchen entfernt und im Kühlschrank oder Keller aufbewahrt werden. Dringend nötig sei das nicht. So ließen sich aber Schmarotzer aussortieren, die die Nisthilfen ebenfalls nutzten und damit die Bienen schädigten. Dass Wildbienen Krankheiten übertragen würden und Parasiten verbreiten, nennt der Biologe eine unberechtigte Angst: „Da gibt es nichts.“ Im Gegenteil: „Die Wildbiene sticht nicht. Sie ist das ideale Insekt für Kinder.“
Auch der Hausgarten
profitiert
Und so seien die kleinen Tierchen nicht nur für den Obstbauern interessant, dem sie in Zeiten abnehmender Honigbienen-Zahlen die Bestäubung sichern, weil sie genau dann fliegen, wenn Apfel- und Kirschbäume in voller Blüte stehen. Von der Johannisbeere über die Stachel- bis hin zur Erdbeere könnten die Mauerbienen auch im kleinen Hausgarten allerlei bestäuben. Mit ihrem Einsatzradius von rund 150 Metern seien die Insekten im Vergleich zu Hummeln außerdem standorttreu. Ein Umstand, den sich Schüler im Projekt Wildbienenschutz seit über 20 Jahren zunutze machen, um die Tierchen zu beobachten.
Jetzt die Obstbauern
ins Boot holen
Was Meinrad Lohmüller sich wünscht: „Mir wäre es jetzt recht, dass wir die Obstbauern hier soweit bringen, dass sie sagen: Wir werden hier mal versuchweise unterstützend tätig.“ Nicht zuletzt auch zum Erhalt der Wildbienen, denen natürliche Hohlräume in alten Bäumen und schlecht isolierten Häusern heute einfach fehlten.