Vor einem Jahr sind sie in ihr neues Domizil im alten Ratskeller umgezogen – der einzige Tafelladen bundesweit, der in einem Rathaus angesiedelt ist. Und die Verantwortlichen sind zufrieden: Der Betrieb läuft sehr gut.
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Ernst Bauer
Verstehen sich auch untereinander bestens: Wilfried Friz, Christa Birkenmaier, Peter Looser (von links) beim gestrigen Redaktionsgespräch. Bild: Rippmann
Mössingen. Schlangen im Flur gibt es jedenfalls nicht mehr. Auch wenn der Andrang Bedürftiger aus dem ganzen oberen Steinlachtal enorm ist. Zweimal in der Woche können sich arme Leute, Einzelpersonen und Familien, denen das Geld hinten und vorne nicht reicht und oft kaum fürs tägliche Brot, im Laden unterm Mössinger Rathaus äußerst günstig mit Lebensmitteln eindecken. „Es hat sich auf sehr hohem Niveau eingependelt“, so beschreibt Stadtrat Peter Looser als Vorsitzender des Tafelladen-Vereins die anhaltend starke Nachfrage nach Waren, die in der Überflussgesellschaft „übrig“ bleiben, von Supermärkten und Bäckereien gespendet werden.
220 „Einkaufsberechtigte“ – deren Bedürftigkeit mit Alg II- oder Grundsicherungs-Nachweis festgestellt wird und die dann eine Kundenkarte kriegen – kommen aus Mössingen, Ofterdingen und Bodelshausen sowie Nehren in den „rathäuslichen“ Tafelladen. Man kooperiert auch mit den Tafeln in Rottenburg, Hechingen, Tübingen und Reutlingen; von Letzteren werden etwa Bedürftige aus Gomaringen und Dußlingen versorgt.
700 Leute werden in der Woche versorgt
An einem Verkaufstag kommen zwischen 90 und 110 Leute in den Laden. Mit durchschnittlich 3,5 Personen pro Haushalt hochgerechnet, versorgt die Mössinger Tafel in den zwei Stunden Öffnungszeit pro Verkaufstag also rund 350 Menschen. Und dies zweimal in der Woche, das ganze Jahr über, seit nunmehr drei Jahren, „ohne Pause“, wie Looser sagt, der als Sozialarbeiter in der Familien- und Jugendhilfe tätig ist und schon von daher viel Erfahrung ins „Tafelgeschäft“ einbringt.
„Jeder andere Laden wäre froh, er hätte so viele Kunden“, bringt Christa Birkenmaier die Erfolgsbilanz knapp auf den Nenner. Die ehemalige Realschullehrerin, wie Gymnasiallehrer und „Fahrdienstleiter“ Wilfried Friz seit einigen Jahren schon im Ruhestand, ist für den „Innendienst“ zuständig. Sie ist „die gute Seele des Betriebs“, sagt Looser, regelt Einlass, Verkauf und die Dienste auch der Vorbereitungs- und Putzteams. Es hängt einiges dran. Nicht weniger als 100 Leute arbeiten mit – alle ehrenamtlich. „Und wir haben genug“, erzählt Birkenmaier, „wir haben nie ein Problem, genug Leute zu finden!“ Ein Viertel der Mitarbeiter „sind auch Kunden, vor allem im Aufräumdienst tätig“. Alle machten es gerne, weil sie dadurch auch Anerkennung finden.
Als zusätzliche „soziale Komponente“ hat man im Ratskeller eine Kommunikations-Ecke eingerichtet – „vielen Kunden ist dieser Treff ganz wichtig, aber auch unsere Verkäuferinnen setzen sich da gerne zusammen“. Kinder werden betreut. Zwei Männer holen immer zwei ältere Damen in Bästenhardt zum Einkaufen ab, eine ist schon über 90 Jahre alt. „Die sind sonst nur allein zu Hause.“ So schafft die Tafel auch soziale Kontakte.
Ein ganzes Auto voller Roßberg-Nudeln
Wilfried Friz kann sich mit seinem Team von rund 25 Fahrern über Nachschub nicht beklagen. Mössingen liege sehr günstig, berichtet er – und die Zentrallager von Edeka in Balingen und Rewe in Bondorf sind noch im Einzugsgebiet. Dienstagabend gab es sogar mal wieder Lachs und gestern Morgen „ein ganzes Auto Roßberg-Nudeln – das ist doch ein Highlight!“ Im Alltag fehlt es freilich oft an Milchprodukten mit Haltbarkeitsdatum, etwa an Butter, oder an lange haltbaren Lebensmitteln wie Mehl und Zucker. Denn andererseits gehen die im Ratskeller fast „wie im Feinkostgeschäft“ (Looser) aufgebauten Waren weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Fünf Brötchen übrigens für fünf Cent. Die Leute schleppen große Taschen mit nach Hause – wo sie bis zu neunköpfige Familien zu versorgen haben –, voller Sachen auch, Parmesankäse etwa, die sie sich sonst nie leisten könnten.
„Man nimmt den Begriff Armut anders wahr“, resümiert Looser, „wir haben hier im Raum dafür sensibilisiert“. Man habe auch „ein offenes Ohr bis rauf zum Oberbürgermeister“ gefunden, ergänzt Friz. Mit den Betriebskosten, „da kommen wir gerade so hin“, sagt Birkenmaier, die sich auch über die Einzelspenden freut – und die vielen Schülerpraktikanten, die neuerdings mit anpacken. So gibt es auch immer wieder besondere „Bonbons“, Puzzle und Spielsachen für Kinder, Päckchen zu Weihnachten.
Wichtig ist den Tafelladen-Verantwortlichen, „dass wir den Leuten gegenüber menschlich anders auftreten“, eine „Willkommenskultur“ pflegen. Das führt auch dazu, dass sie selber „mit Freude“ arbeiten, wie unter Freunden. Looser gerät in Anbetracht der „unglaublichen Leistung“ von etwa 8000 Arbeitsstunden im Jahr geradezu ins Schwärmen: „Ich habe schon das Gefühl, dass wir eine Art Tafel-Familie geworden sind.“