Lesung in der Pausa: 79 Zugewanderte aus 18 Nationen erzählen aus ihrem Leben
Sehr persönlichen Texte, Gedichte und Bilder von Einwanderern, die in Buchform im Talheimer Verlag erschienen sind, wurden am Freitagabend in der Mössinger Bücherei vorgestellt: „Eine Weltreise durch Herrenberg“.
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Susanne Mutschler
Lasen auf Einladung des Büchereifördervereins in der Pausa: Rita Pehlke-Seidel (links) und Birgit Kruckenberg-Link, Herausgeberinnen der Textsammlung „Eine Weltreise durch Herrenberg“. Bild: Rippmann
Mössingen. „Erzähl mir deine Geschichte, dann verstehe ich dich besser!“ Das war der zündende Gedanke, den Guiliano Rizzi, inzwischen Mitglied im Herrenberger Stadtrat, bei einem Treffen des „Runden Tischs der Nationen“ geäußert hatte. Herrenberger aller Nationen sollten aus ihrem Leben berichten. Bei der Gleichstellungsbeauftragten Birgit Kruckenberg-Link, die den Runden Tisch „erfand“ und moderiert, und bei Rita Pehlke-Seidel, die in Herrenberg das bürgerschaftliche Engagement koordiniert, traf dieser Einfall auf offene Ohren.
In der Herrenberger „SchreibwerkStadt“ und im „Erzähl-Café“, beide gehören zu den Aktivitäten des Runden Tischs, kamen schließlich 138 selbstverfasste Beiträge zusammen. 79 von ihnen sind mit dem Einverständnis der Autoren in dem im Dezember im Talheimer Verlag erschienen 235 Seiten starken Band „Eine Weltreise durch Herrenberg“ abgedruckt.
Oft das erste Mal, dass sie ihr Leben erzählten
Unter den aus 18 verschiedenen Nationen stammenden Autoren sind – vom Schüler bis zum Senior – alle Altersstufen vertreten. Wer sich im sprachlichen Ausdruck noch nicht ganz sicher war, bekam mit Sabine Ellwanger eine Schreibpatin an die Seite gestellt. „Für viele Erzähler war es das erste Mal, dass sie überhaupt von ihrem Leben erzählten“, wusste Kruckenberg-Link. Für die Bewältigung ihrer Lebensgeschichten sei das Aufschreiben „ein Durchbruch“, fast eine Art „Heilung“ gewesen. Selbst die Verbitterten hätten es als wichtig empfunden, dass sie ihre Enttäuschung endlich in Worte fassen durften. Nur wenige wählten die Anonymität eines Pseudonyms.
„Wir haben ein Potenzial an Fähigkeiten übersehen, die man hätte fördern sollen“, sagte Pehlke-Seidel angesichts der einzigartigen und sehr persönlich erzählten Geschichten. Die Texte zeigten „die kulturelle Buntheit als Reichtum“, fand Kruckenberg-Link, und seien insgesamt alles andere als eine Auflistung von Problemen und Defiziten. Sie las aus dem Lebensrückblick einer Frau aus Anatolien, die erst in Deutschland allmählich den patriarchalen Strukturen ihrer Familie entwuchs, und sie trug das Gedicht des 17-jährigen Murat vor, für den Herrenberg „der schönste Ort der Welt“ ist.
Pehlke-Seidel nannte die Erzählungen „Momentaufnahmen“ im Leben der zugewanderten Herrenberger, die Hoffnung machten und die auch die eigene Sichtweise positiv veränderten. Unter der Überschrift „Ich bin keine Mango“ las sie, wie eine in Deutschland aufgewachsene Spanierin über die „dunkle Seite der Integration“ reflektiert. „Wer von Integration spricht, geht von der Prämisse der Separation aus“, heißt es darin.
Italiener durfte nicht mit Schwabenmädle
Das in der Mössinger Bücherei versammelte Publikum konnte gar nicht genug bekommen von den farbigen und authentischen Erinnerungen: Ein Italiener erinnert sich, wie man in den 60er-Jahren versuchte, ihm den Kontakt zu den Schwabenmädchen zu verbieten, er dürfe „höchstens ein Flüchtlingsmädle“ haben. Eine Siebtklässlerin aus Russland freut sich, dass sie „in Deutschland leben darf, wie sie will“. Sie mag am liebsten Kaiserschmarrn, während eine Frau aus Polen ihren ersten schwäbischen Kartoffelsalat als Kulturschock erlebte. Kaum vorstellbar ist die abenteuerliche Fluchtbiografie einer Frau aus Sri Lanka, deren Familie auf der ganzen Welt verstreut lebt und die sich trotzdem ihre Herzlichkeit bewahren konnte. „In Herrenberg kenne ich jeden Winkel“, beschreibt eine Kurdin ihr Gefühl des endlich „Angekommenseins“.
„Die Autoren lassen uns teilhaben an einem Stück ihres Lebens“, fassten die Referentinnen ihre positiven Erfahrungen am Freitagabend zusammen. In der anschließenden Diskussion war man sich einig, dass ein solches Schreib- und Buchprojekt auch für Mössingen Vorbildcharakter haben könnte. Schirmherr des Herrenberger Schreibprojekts ist Oberbürgermeister Thomas Sprißler.