Zlomkes Wunderkammern vergessener Anwendungen für Körper, Geist und Seele
Eine temporäre „interaktive Installation im Kopfkissenbuch der Wiedervereinigung“ hat Dietmute Zlomke in der Uhlandstraße 5 eingerichtet. Wir waren vor Ort und haben uns umgesehen.
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Peter Ertle
Die Künstlerin und ihr Schatten in der Kopfkissenprojektion: Dietmute Zlomke vor einigen der 30 Vernissagenbesucher des Luisenbads.Bild: Metz
Tübingen. Dietmute Zlomke ist wandelnde Wunderkammer und Schamanin in einem. Man könnte auch sagen: Die uns liebste Hexe der Region. Früher hätte man sie möglicherweise auf den Scheiterhaufen gestellt, denn sie sammelt beständig Dinge, von denen sie sich magische Aufladung erhofft, nicht nur für sich, auch für andere, für den Fortgang der Geschichte oder auch nur für die einzelne Körperzelle. Und wenn wir sie recht verstehen, sieht sie da einen Zusammenhang. Heutzutage heißen solche Geschöpfe: Künstler. Man lässt sie vor sich hin kruschteln. Kruscht? Oder nicht doch Alchemie? Heilkunst? Anregung? Lebenskunst? Oder einfach praktischer Haushaltstipp? Jungbrunnen?
Bei Brunnen sind wir schon nahe dran: Bad. Luisenbad. So heißt die Ausstellung, die Installation, die sie in den Räumen der ehemaligen Apotheke in der Uhlandstraße 5 eingerichtet hat, wo nun viele ihrer historischen Fundstücke oder Nachbauten ausgebreitet sind. Über manches davon wäre das Tübinger Stadtmuseum froh. Es geht tatsächlich um vergessene Tipps zur Aufrechterhaltung leiblich-seelischen Wohlbefindens. Sie holt sie sich in Form von Büchern, Objekten, Rezepten, aus der Zeit der preußischen Königin Luise. Und verknüpft das, ein Tigersprung, mit der deutschen Wiedervereinigung.
Aber zunächst zu Luises Heilkunst: Man kann zum Beispiel von unten via Kochplatte beheizte Stühle begutachten, auf denen man, eingepackt in einen wärmenden Umhang, eine einfache Art der Sauna genießen kann. Anleitungen für Sitzbäder gibt es, Holzkabinen stehen da, in denen Waschungen „untenrum“, also im Anal- und Genitalbereich vorgenommen werden oder auch nur über ausliegende Zettel studiert werden können. Die heutige Medizin setze viel zu wenig auf einfache, grundlegende Methoden, etwa auf die Berührung, führte Zlomke bei ihrer Vernissagenrede aus.
Auch mystisch-meditative Einkehr kann an Ort und Stelle geübt werden, zum Beispiel mithilfe eines schwarzen, zu fixierenden Punktes, bald erscheint hinter dem Punkt ein Strahlenkranz wie bei einer Sonnenfinsternis. Medizin. Esoterik? Jedenfalls auch ein Spiel, aufgehoben und akzentuiert in der Kunst, immer ganz nah am Körper.
Der ist denn auch das Bindeglied zu jener Anekdote, die Zlomke ausgegraben hat, eine real existiert habende, unerhörte Begebenheit, paradox und allegorisch, die für Autoren wie Kleist (ja, gut, der lebte dafür etwas zu früh) bis zu Alexander Kluge ein Wahnsinnsplot wäre: Als Geschenkgabe für die aus aller Welt eingeladenen Festgäste der 40-Jahr-Feiern des Staates – im Land waren schon die Montags-Demos unterwegs – ließen die DDR-Oberen ein Kunstbuch, ein Leporello anfertigen, legten ein 200 Jahre altes Buch japanischer Liebeskunst von Utamaro neu auf, 12 erotische Drucke, 12 verschiedene Stellungen der Vereinigung zwischen Mann und Frau. Kein Mensch weiß, wieso ausgerechnet so was, aber vermutet werden darf: Man wollte auf internationalem Parkett Luxus und Freizügigkeit beweisen, also das, was man der Bevölkerung nicht gewährte.
Ironischerweise bebilderte man damit zur Feier ausgerechnet eine Vereinigung. Kurz darauf kam sie zwischen den beiden deutschen Staaten zustande. Zlomke kaufte sich antiquarisch einen ganzen Stapel dieser Bücher. Auch sie sind Teil dieser Installation. Übrigens: Männer sind bei Musischem ja immer in der Minderheit und sie gehen bekanntlich nicht gern zum Arzt. Die Folge: 95 Prozent der Vernissagengäste waren Frauen.
Info: Das Luisenbad ist momentan unbefristet von Dienstag bis Freitag 10-12 Uhr geöffnet. Am Wochenende sind Führungen nach Vereinbarung möglich, Tel 07073 / 918 433