Shakespeare, ausgebootet und heimgeholt: In Melchingen hatte der „Sturm“ Premiere
Tübingen. Shakespeares „Sturm“ – am Lindenhof ist das keine leicht aktualisierte, mit Strichen und mancher Modernisierung versehene Neuübersetzung, vielmehr handelt es sich bei Kathrin Krumbeins Fassung um ein neues Stück, das sich die zeitgemäße Wiedergabe der Shakespeare-Stückessenz zur Aufgabe macht. „Ein Sturm – nach Shakespeare“ wäre präziser gewesen. Aber auch kleinlicher, vorsichtiger.
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Ist das nicht eine wunderbare Sitzparade? Von links Sandro Erbi (Bazi), Körpa-Klauz (Trinka), Gerd Plankenhorn (Frederick), Silke Buchholz (Prospero), Linda Schlepps (Miranda), Franz Ott (Tonio), Moritz Brendel (Steff), Bernhard Hurm (Lonso) und Oliver Moumouris (Aliban).Bild: Lindenhof
Also unpassend für so ein stürmisches, losgelassenes Unterfangen.
Antonio, Alonso, Sebastian und Ferdinand sind hier die Architekten Tonio, Lonso, Bazi und Frederick vom Architekturbüro L&T (Lonso und Tonio). Prospero ist hier nicht der ehemalige König, der von seinem Bruder Antonio im Wortsinne ausgebootet, nämlich aufs Meer hinaus geschickt wurde und sich auf eine Insel rettete – sondern eine Frau, ehemalige spirita recta, künstlerisches Herz und Genie des Architekturbüros, die von ihrem geschäfts- und beziehungstüchtigen Machomachermachtmann (und seinen Seilschaftsfreunden) aus der Firma gedrängt, aus der Ehe geschmissen, ins soziale Abseits, ja in die Psychiatrie gebracht wurde.
So könnte
es gehen
Heftig, heftig. Aber man sucht halt nach möglichen Übersetzungen in die Jetztzeit. Nur dass es am Ende ein bisschen arg auf so eine feministische Die-Zukunft-ist-weiblich-Ideologie hinaus läuft nervt etwas, weil man mit so einer Moral immer im politisch korrekt grünen Bereich ist – da fühlt sich Theater nicht wohl. Und dann ist es doch wieder wunderbar, wie die Utopie hier am Ende als Möglichkeitsszenario in ein „so könnte es gehen“ gegossen wird. Diese Textfassung hat schon ein paar tolle Stellen.
Allerdings wird in Inszenierungen Albrecht Hirches kein Text eingekleidet, eingemöbelt und eingesprochen auf die Bühne gestellt. Die Bilder, die Worte, die Bewegungen, der Text, die Figur, der Schauspieler, die Probendynamik, das kleine Detail, das große Ganze und vor allem: der jeweilige Augenblick scheinen hier gleichwertig zu sein. Alles kann passieren. Und wenn ein Theaterbild so stark ist wie das nach der Pause, dann reicht es auch mal, wenn die Schauspieler eine Weile in ihren Röcken hin- und herwackeln.
Manchmal wirkt die Szenerie wie auf Bildern alter Meister, die Bande aus Tonio, Lonso und Partner, dieser besoffene Architektendekadenzadel mit seinen Barockokofrisuren – von Frau Prospero in die Ausnüchterungszelle geworfen könnten's auch tumbe Bauernbuben von der Alb sein, bäuerliche Theaterclowns, aber auch etwas dämonisch, beunruhigend. Wenn dann noch hinten die große Türe sich öffnet wie auf einen verheißungsvollen Altar, wo im porösen Lichtsegen der monströse, groteske Aliban oder Donna Prospera erscheinen – das ist starkes Theater, Bühnenästhetik par excellence.
Der Zuschauer sitzt in der Scheuer und friert nicht, weil’s hier trotz gefühlten minus 20 Grad Alb-Außentemperatur beheizt ist. Der Rezensent sitzt später zuhause, vergleicht Shakespeares Original mit der Melchinger Sturmfassung und fragt sich, was eigentlich der Zuschauer, der das nicht tut, mit dieser so schönen wie irritierenden, so lustigen wie dunklen, so für alles offenen wie kryptischen Inszenierung anfängt. Und einem Lied dieser Inszenierung eine neue Strophe hinzufügend singt man in der Pause beim Punsch so vor sich hin: „Three summers before we gave them our heart / beim Gomaringer Volpone / aber dieses Mal, bei Shakespeares Sturm/ ist das nicht ziemlich special? (special).“ Man will sein Herz aber dann doch nicht zurück. Ein Alb-Arthouse-Theater für Liebhaber ist es, mit Abbreviaturen, Anspielungen, Witzen, Mix aus heutigem Alltagssprech und Shakespeare-Original.
Be free
an fare thou well!
Hier wird nach dem Motto „Be free and fare thou well!“ postmodernes Regietheater gespielt, muss Frederick als Heiratsprüfung einen Eimer Kartoffeln schälen und zehn Liter Blut spenden, erklärt der vom schwarzen Magier zum Weißkittel wechselnde Aliban den Patienten wie dem Publikum: „Sie haben genug Krankenhausserien gesehen, dass ich mir die Vorreden sparen kann.“ Und Prospero singt: „Last christmas I gave you my heart / but the very next day / you gave it away.“
Trotzdem ragt nichts schrill heraus, der Wahnsinn fließt eher im Grundwasser dieser Inszenierung (und sehr konzentriert in den Zaubertropfen Alibans) – poetisch, verspielt, mit einigen Kasperliaden vor allem von Trinculo und Stephano (Körpa-Klauz, Moritz Brendel), die hier Trinka und Steff oder einfach „Die Klaunz vom Kopierer“ heißen – die kommen ja, fast hätten wir’s zwischenzeitlich vergessen, aus einem Architekturbüro.
Man möchte eigentlich gar niemand herausheben, einzeln bewerten, so sehr ist dies ein Ensemblestück. Und muss denn doch, die Rollengewichtung gebietet es, Oliver Moumouris‘ Aliban und Silke Buchholz‘ Prospero noch mal extra erwähnen.
Aliban: Ariel und Caliban in einem, vielgestaltig, jämmerlich, königlich, Missgeburt, Hexenmeister, Sklave, kühler Analysator, V-Mann, Doppelagent, links-und rechtsdrehend, also mit mehr Kultur drin als im gewöhnlichen Joghurt. Prospero irgendwo zwischen eiserner Lady, sanftem Engel und lebenserfahrungsgetränkter, weiser Salondame, die, gäbe es sie heute, vermutlich 94-jährig den Bestseller „Entrüstet euch“ schreiben würde, der sehr ambivalent als Aufforderung zum Kampf und gleichermaßen als Aufforderung zum Ablegen der Waffen lesbar wäre.
Übernommen?
Wie auch nicht!
In den weiteren Rollen: Franz Ott als Tonio (Prosperos Exmann), Bernhard Hurm als sein Partner Lonso (das L in L&T), Gerd Plankenhorn als Frederick (junger Architekt), Sandro Erbi als Bazi (Lonsos Lebensgefährte). Linda Schlepps kriegt als Miranda (Prosperos Tochter) auch mal einen Schnuller in den Mund. Sie hat momentan ja viele zuhause.
Haben sie sich mit diesem Sturm nicht übernommen? Wie kann man sich am Sturm nicht übernehmen! Ist dieser Sturm nicht eine Probe für den Zuschauer? Doch. Einer der größten, die es am Lindenhof je gab. Trotzdem heftiger Beifall. So könnte es gehen.
Peter Ertle
Info: Die nächsten Aufführungen am 8., 9., 10., 11. 15. und 17. Februar jeweils um 20 Uhr.