Es passiert eher selten. Aber häufig genug, um einmal untersucht zu werden – zumal es eines der erklärungsbedürftigsten kulturellen Phänomene darstellt. Die Rede ist vom Zusammenstoß zweier Fußgänger, beziehungsweise vom Beinahe-Zusammenstoß – der Aufprall kann meist noch vermieden oder in eine mit mancherlei Uuups!- Oder Huch! -Ausrufen begleitete, kurze Umarmung umgebogen werden.
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Sieht gar nicht so kompliziert aus und es passiert auch nicht viel, aber manchmal kommen sogar Fußgänger schwer aneinander vorbei.Archivbild: Sommer
Es soll hier übrigens nicht von der häufigsten Art des Fußgängerzusammenstoßes die Rede sein, die vor allem in dichtem Gedränge, an Hausecken und mit Vorliebe auch in Büros passiert, wenn der eine rasch und in Gedanken bei der Arbeit aus dem Zimmer tritt, der andere eilends im Flur unterwegs ist. An solchen Zusammenstößen ist ja nichts erklärungsbedürftig. Unser Augenmerk gilt vielmehr einem Phänomen, für dessen Erforschung wir unseren von auffallend häufigen Beinahe-Zusammenstößen geplagten Mitarbeiter A im Folgenden auf ein paar seiner Wege begleiten wollen:
Heute war es A nämlich wieder passiert. Und zwar gleich zwei Mal. Zum ersten Mal auf der Neckarbrücke. A sah B auf sich zukommen, beide scherten zur gleichen Seite aus, als sie etwa drei Meter voneinander entfernt waren, beide korrigierten in die entgegengesetzte Richtung, als noch ein Meter zwischen ihnen lag, beide unternahmen noch eine letzte Kurskorrektur und standen plötzlich Stirn an Stirn.
In der Neckargasse passierte ihm das gleiche noch einmal. Hier war es noch unerklärlicher, denn es waren noch viel weniger Fußgänger unterwegs, Platz genug, um auszuweichen. Und doch stand A nach seltsam anzusehenden, parallelen Ausweichmanövern wieder Aug in Aug mit einem Entgegenkommenden. A ging die Tage durch, an denen ihm solche Zusammenstöße oder Beinahezusammenstöße passiert waren, er überlegte, was sie verband. Er konnte sich zwar nicht mehr an jeden einzelnen dieser Tage erinnern. Aber eine vage Erinnerung, wie er sich jeweils dabei gefühlt hatte, gab es doch. Und der heutige Tag stand ihm ja klar vor Augen, er konnte analysiert werden.
A kam zu folgendem Ergebnis: Solche Beinahezusammenstöße passierten immer dann, wenn er verunsichert war. Seine Verunsicherung übertrug sich offenbar auf seinen Gang, er ging dann nicht zielstrebig, zeigte nicht klar genug, wohin er zu treten gedachte, sandte halbherzige oder kreuzfalsche Signale aus, was ihn für den anderen nicht mehr kalkulierbar machte. Erst wenn er verunsichert war, achtete er überhaupt bewusst darauf, dass jemand entgegenkam, dem es auszuweichen galt. An anderen Tagen erledigte das seine unbewusste Wahrnehmung, die seine Motorik schon richtig steuerte und dem anderen die rechten Signale zusandte. Alles ging dann wie im Schlaf. Heute aber glich er dem Schlafwandler auf dem Dachgiebel, der plötzlich aufwacht. Und genau in diesem Moment abstürzt.
Solchermaßen belehrt stürmte A das nächste Mal in schierem Selbstbewusstsein und auf Automatik schaltend hinaus – und rummste schon nach zwei Minuten mit jemandem zusammen. Was war passiert? Erst jetzt kam ihm die Idee, er könne ja möglicherweise jemand begegnet sein, der gerade einen verunsicherten Tag hatte. Aber wie war das überhaupt? Kam es nur zu Zusammenstößen, wenn einer von beiden verunsichert war? Begegneten sich zwei Verunsicherte, müsste sich das dann nicht wieder ausgleichen und beide würden auf zwar umständliche, höchst unorthodoxe, aber im Ergebnis um so artistischere Art und Weise letztendlich elegant aneinander vorbeistolpern?
Wie aber wusste man, ob man es mit einem Verunsicherten oder mit einem Selbstbewussten zu tun hatte? Und vielleicht war alles noch viel komplizierter. Vielleicht neigte ja nur er zu Zusammenstößen, wenn er unsicher war, während andere bei Mutlosigkeiten und Schüchternheitsanfällen endlich einmal sorgsam und vorsichtig unterwegs waren und gänzlich unfallfrei blieben, während sie an stürmisch selbstsicheren Tagen reihenweise in andere Menschen krachten – und dann möglicherweise vor allem in solche, die ihrerseits zu sürmisch und selbstsicher unterwegs waren.
Wenn das so sein sollte, war alles höhere Arithmetik, ja eigentlich Stochastik, dann war das eigene richtige Verhalten für unfallfreies Passantentum nicht mehr zu planen, dann war nichts mehr ausrechenbar. A schien das alles auf einmal ein Gleichnis für das gesamte Leben zu sein, ein niederschmetterndes. Vielleicht war es aber auch nur die Wucht des Aufpralls, die sich als Nachbeben in seinem Kopf fortsetzte.
So weit die Erlebnisse unseres Probanden A. Man sieht: Von einer Klärung des Phänomens sind wir noch weit entfernt.Peter ertle