Giora Feidman, der König der Klezmermusik, trifft auf Weltmusik
Klezmer ist für Giora Feidman ein weites Feld. Alles, was er aus seiner Seele in die Klarinette singt, gehört dazu. Am 7. Januar kommt es zur Begegnung mit dem Weltmusik-Quartett Gitanes Blondes in der Reutlinger Marienkirche.
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Zu sehen und zu hören am 7. Januar in der Reutlinger Marienkirche: Giora Feidman. Bild: Spieß
Reutlingen. Giora Feidman hat zweifellos das Lob verdient, das ihm Kritiker und Musiker bei jeder Gelegenheit spenden. Er beherrscht sein Instrument in allen Registern, sein Sound ist voll, klar und kräftig, dabei immer flexibel und nuancenreich. Seine Interpretationen überzeugen durch ein Stil übergreifendes Mit- und Ineinander von Komposition und Improvisation.
Feidman spielt nicht einfach Klarinette, er verleiht seinem Instrument eine geradezu menschliche Dimension. Darüber hinaus schlägt er Brücken zwischen Kulturen, Klassen und Generationen. Dies zeigt auch sein neuestes Projekt mit dem Münchener Weltmusik-Quartett Gitanes Blondes. Die Idee, eine auf Balkan-, Welt- und Klezmermusik basierende Produktion zu schaffen, entstand vor anderthalb Jahren, als Feidman die jungen Musiker Mario Korunic (Violine), Konstantin Ischenko (Akkordeon), Christoph Peters (Gitarre) und Simon Ackermann (Kontrabass) auf einer Konzertreise auf einem Kreuzfahrtschiff kennenlernte.
Was fasziniert einen Klezmermusiker wie Feidman gerade an der Weltmusik? „Für mich ist Musik ein weites Feld“, sagt der in New York und Tel Aviv lebende Klarinettist, „da gehört Weltmusik ebenso dazu wie Klezmer, Klassik oder Jazz“. Außerdem habe er immerhin 18 Jahre lang Solo-Klarinette im Israel Philharmonic Orchestra gespielt und kam während dieser Zeit mit den unterschiedlichsten Musikgenres in Berührung. So bedeute dieses Projekt auch eine Rückkehr zu seinen musikalischen Wurzeln.
Giora Feidman sieht sich selbst „als einen Sänger, der durch sein Instrument singt“. In der Tat handelt es sich bei seiner Musik nicht um eine Stilfrage, sondern vielmehr um eine umfassende, tief religiös verwurzelte Weltanschauung. Der 1936 in Argentinien geborene Klarinettist erzählt in seiner Musik Geschichten. Geschichten, die sich auch wiederholen können, trotzdem sind sie immer wieder neu. Denn Feidman schafft es wie wenig andere, augenscheinlich Unvereinbares unter einen Hut zu bringen.
Es gibt Kritiker, die meinen, der Klarinettist ginge mit der jüdischen Kultur etwas zu leichtfertig um. Doch mit seiner offenen Einstellung steht Feidman durchaus in der Tradition osteuropäischen Juden, die in den jeweiligen Orten andere kulturelle Anregungen gern aufgriffen. Vor allem aber liegt der weite Horizont in seiner Biografie begründet. Seine Eltern lebten als bessarabische Juden im heutigen Moldawien, bevor sie nach Argentinien auswanderten. Als Klezmer-Musiker der vierten Generation hat er erst klassische Klarinette studiert und lange Jahre im Israel Philharmonic Orchestra verbracht, bevor er nebenher anfing, seine Solokarriere aufzubauen.
1984 erlebte er dann in Berlin seinen internationalen Durchbruch, als er in Peter Zadeks Holocaust-Musical „Ghetto“ das personifizierte Gewissen spielte, das den SS-Verbrechern die Wahrheit vorhält. Seit dieser Zeit ist es ihm ein besonderes Anliegen, zum Verständnis zwischen Israelis und Deutschen beizutragen.
Und seit dieser Zeit glaubt er an die Frieden stiftende Kraft der Musik, für die er sich in all seinen Projekten unermüdlich einsetzt. Nicht nur die wie selbstverständlich dahinfließende virtuose Geläufigkeit begeistert seine Anhänger, sondern vielmehr, dass er die Klarinette als Mikrofon seiner Seele einsetzt.
Für Giora Feidman war es immer wichtig, die Menschen mit seiner Musik zu erreichen, was ihm auch mit seiner aktuellen Produktion gelingen wird. Denn es geht ihm vor allem darum, „Brücken zu schlagen – zwischen Kulturen, Generationen und Klassen.“Jürgen Spieß