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Kalkulieren für die Freiheit

Bauernwerk lädt zum Nachdenken ein übers Bauersein

Welchen Sinn hat eigentlich Landwirtschaft? Diese Frage ist gar nicht so weit weg von der Kostendeckungsbeitrags-Rechnung eines modernen bäuerlichen Betriebs.

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Mario Beisswenger

Kusterdingen. „Macht es Sinn, die 500- oder 650-Megawatt-Biogasanlage durchzuziehen? Stimmt das Maß noch?“ Diese Fragen stellte am Montagabend Clemens Dirscherl im Höfle in Kusterdingen. Das evangelische Bauernwerk hatte eingeladen und sein Geschäftsführer riss die Themen an, die Landwirtsfamilien neben der Wirtschaftlichkeit beschäftigen: Arbeitszufriedenheit, der Anspruch, mit Boden, Pflanzen und Tieren pfleglich umzugehen und ein gutes Image zu behalten.

Damit es praktisch wird, berichtete Hanspeter Gruber, selbst im Vorsitzender des Bauernwerks, den rund 50 Interessierten aus seinem Betrieb. Einer seiner Fixpunkte war: „Mir ist die persönliche Freiheit, die finanzielle Freiheit wichtig. Es fließt bei uns nicht alles Geld gleich wieder in den Betrieb.“

Sein Tipp an die Berufskollegen war, vor jeder Investition immer eine genaue Kostenrechnung zu machen und die dann immer wieder zu kontrollieren. „Bei manchen Kollegen geht es beim Kauf einer teuren Maschine gar nicht um die Kosten. Da geht es um Minderwertigkeitskomplexe.“

Gruber erklärte detailliert, warum sich für ihn ein kleineres Mais-Häckselgerät besser rechnet und ihm mehr Freiheit gibt als das 60 000 Euro teurere Großgerät. Gruber häckselt im Lohn für Biogasanlagen-Betreiber. Nach seiner Berechnung hat das Großgerät bei nur wenigen Hektar großen Feldern – die übliche Größe bei den Grubers, die bei Bopfingen im Nördlinger Ries wirtschaften – viel zu lange Rüstzeiten. Der kleine Häcksler sei da viel wirtschaftlicher.

Gruber empfahl den Landwirten, vor Investitionen, schon gleich solchen im Millionen-Bereich, zu bedenken, was damit für eine Last auf die Bauernfamilie drücke. Es ging ihm nicht nur um die langen Jahre, in denen eine solche Investition abgetragen werden muss, es ging ihm auch um die schwer zu kalkulierenden Agrar-Märkte. Die Preise für Grundstoffe schwankten viel heftiger als früher, genau so wie die Erlöse für Getreide oder Schweinehälften. Das mache Großinvestitionen immer unsicherer.

Eigentlich mögen

Landwirte ihren Beruf

Clemens Dirscherl, der auch Agrarbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschlands ist, redete den Anwesenden ins Gewissen. Eigentlich, so ergaben Umfragen, mögen Landwirte ihren Beruf. Sie sind ihr eigener Herr, verfügen über ihre Arbeitszeit, spüren die Verbindung zur Natur und arbeiten ganzheitlich. „Eigentlich ist der Lebensinhalt chancenreich.“ Dieses Chancen sollten sich Landwirte nicht selbst verbauen, indem sie ungeprüft etwa den neuesten Empfehlungen aus Fachzeitschriften folgen und sich in Schulden stürzen.

Dirscherl hinterfragte die Unzufriedenheit von Landwirten. Ausgelöst sei sie wohl auch vom Gefühl, den Anschluss an die Wohlstandsentwicklung zu verpassen. Da werde über alles gegrantelt, vom Bauernverband über Agrar-Bürokratie bis zu Naturschützern. Es gelte aber zu prüfen, wenn von außen berechtigte Forderungen an die Landwirtschaft gestellt werden. Bauern sollten zur Kenntnis nehmen, dass immerhin zwei Drittel der Bundesbürger für Subventionen in der Landwirtschaft sind. „Dafür wollen sie aber auch etwas haben.“

Ein Teil der Debatte drehte sich dann darum, was von der Landwirtschaft verlangt wird. „Wir brauchen ein Leitbild aus der Gesellschaft“, verlangte etwa Christian Reutter, Obmann der Landwirte im Kreis. Von dort kämen aber widersprüchliche Signale, meinte Dirscherl. In Baden-Württemberg müsste es gelingen „Verbraucher-Segmente“ zu entwickeln, die bereit seien, faire Preise zu bezahlen.

Doch er sah auch die „Verbraucher-Schizophrenie“ grassieren. Gruber erklärte, was das ist. Sich über Antibiotika in der Hähnchenmast aufregen, dann aber den Billig-Gockel am nächsten Imbiss kaufen. „Die Gesellschaft muss da Verantwortung zeigen. Wenn die Grillhähnchen nicht verkauft werden, werden sie auch nicht produziert.“ Wenn sie gekauft werden, „dann sollen sie auch zehnstockige Hühnerfabriken haben“.

Bauer sucht Bankkauffrau
Landwirte wollen nicht „als Volltrottel in ’Bauer sucht Frau‘ vorgeführt werden“, sagte Clemens Dirscherl vom evangelischen Bauernwerk und löste damit eine kleine Imagedebatte aus. Christian Reutter fand das Fernseh-Format gar nicht so übel. „Als Berufsstand können wir da doch gelassen sein.“ Landwirtschaft bringe immerhin Quote, weit mehr jedenfalls als eine Kuppel-Show für Adlige. Allenfalls sollte wohl am Namen gefeilt werden, deutete Dirscherl an. Vielleicht müsste es eher „Bauer sucht Bankkauffrau“ heißen, um klar zu machen, dass Landwirte nicht einfach eine Frau zum Mithelfen suchen. Bauersfrauen sollten eigene Kompetenzen mitbringen oder ein eigenes Einkommen, damit ein landwirtschaftlicher Betrieb mehr finanzielle Freiheit bekommt.


08.02.2012 - 08:30 Uhr

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