Ganz ohne Schwitzen und Schnaufen bewältigten rund 50 Ofterdinger diese Woche die 15 Stationen ihres Geschichtspfades. Historiker Gerhard Kittelberger erklärte in der Zehntscheune, was man vor Ort alles sehen und lernen kann.
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susanne mutschler
Die Ofterdinger Mühlstraße im 19. Jahrhundert. Der Mühlkanal führte ungesichert mitten durch das Dorf. Im Jahr 1969 wurde er zugeschüttet.Bild: Gemeindearchiv
Ofterdingen. Die ausgewählten Stationen mit ihren Infotafeln seien „Orte, an denen sich Geschichte festmachen lässt“, sagte Gerhard Kittelberger. Dazu gehören ehrwürdige Gebäude wie das 1523 gebaute Rathaus, dessen damals als allzu schlicht angesehenes Fachwerk ursprünglich verputzt war. Die Mauritiuskirche, die 1522 als Nachfolgerin der Bergkirche um und an eine bereits im Dorf stehende Kapelle gebaut wurde. Und das Pfarrhaus von 1838 in der Rohrgasse, das in die Verseschmiede des „Bestseller-Dichters“ Karl Gerok einging, wie Kittelberger erzählte.
Ungeliebte Fron – die Jagdhunde der Herren
Doch als ebenso „geschichtsträchtig“ gelten jene Stationen, die vom früheren Alltagsleben berichten. In der Zehntscheuer etwa, die 1567 aus den Steinen der abgebrochenen Bergkirche gebaut wurde, mussten die alten Ofterdinger als „ungeliebte Fron“ die herrschaftlichen Jagdhunde versorgen, dort wurden kriegswichtige Hengste aufgezogen, und im Burghof gab es Krämer- und Viehmärkte. Das Fachwerk-Schulhaus gegenüber wurde 1864 gebaut, ihm folgten drei weitere Unterrichtsgebäude, das jüngste stammt von 1987.
Wirtschaftlichen Aufschwung bekam Ofterdingen, das die letzte Ansiedlung vor der hohenzollerischen Grenze war, 1756 mit dem Bau der Schweizer Chaussee. Zuzeiten florierten an dieser modernen „kerzengeraden“ Verkehrsverbindung – der heutigen Bundesstraße 27 – die fünf Wirtschaften Goldener Ochsen, Löwen, Krone, Weißer Ochsen und Sonne gleichzeitig. Landfahrende und Besitzlose hingegen fanden Unterschlupf im Armenhaus in der Goldgasse, dem damaligen Ortsrand. Sein Mobiliar habe aus wenig mehr als dem Stroh für das Nachtlager bestanden, wusste Kittelberger aus den Rechnungen der Heiligenpflege. 1833 wurde das kleine Armenhäuschen durch ein dreistöckiges Gebäude ersetzt.
Mühle gehörte dem Kloster Bebenhausen
Eine Mühle zu betreiben, sei wegen des aufwendigen Kanal- und Wehrbaus und der ständigen Hochwassergefahr immer ein „kostspieliges Unternehmen“ gewesen, erläuterte Kittelberger. Sie waren deshalb meist in herrschaftlichem Besitz. Die Ofterdinger Mühle gehörte dem Kloster Bebenhausen. Der Mühlkanal führte direkt an den Häusern vorbei und offen und ungesichert mitten durch das Dorf. Erst 1969 wurde er zugeschüttet.
Stielfabriken und
Siedlung „Klein-Korea“
Im Ausgang des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten industriellen Arbeitsplätze. Die Ofterdinger Wagner hatten sich auf die Herstellung von Gerätestielen spezialisiert. Mit seinen vier Stielfabriken sei Ofterdingen noch um 1950 europaweit führend gewesen.
Um diese Zeit entstand in „Hinter Höfen“ eine neue Wohnsiedlung, in der die nach dem Zweiten Weltkrieg Zugezogenen unterkamen. Nicht nur die neuen Bürger, sondern auch die regelmäßig ausgerichteten Häuser mit den genormten Grundrissen seien den Alteingesessenen so fremd vorgekommen, dass man das Quartier „Klein-Korea“ genannt habe, berichtete Kittelberger von der „gravierenden soziologischen Umwandlung“ des Dorfes.
Der virtuelle „Ortsrundgang auf die bequeme Art“, wie Bürgermeister Joseph Reichert sich ausdrückte, endete vor dem Museum in der Sattlergasse, in der all das aufbewahrt und instand gesetzt wird, was einst zum Ofterdinger Leben gehörte, zuletzt die frühere Kirchenorgel.