Karola Bloch zu Gast beim Nehrener Montagsfrauenkreis
Der ökumenische Frauenkreis, der sich in Nehren immer montags trifft, ließ sich bei seinem letzten Treffen über das Leben von Karola Bloch und ihrer Schwägerin Andziula Tagelicht unterrichten, vom Talheimer Verleger Welf Schröter.
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Jürgen Jonas
Karola Bloch, 1905-1994. Archivbild: Berardi
Nehren. Das Motto des Montagskreises lautet: „Frauen gestalten die Welt.“ Welf Schröter ist jetzt zu Gast gewesen, dessen Verlag seit zwei Jahrzehnten in Talheim zu Hause ist.
Die eine überlebte den Nationalsozialismus, die andere nicht. Karola Piotrowska war Polin, Architektin, Kommunistin, Gattin des weltberühmten Philosophen Ernst Bloch. Andziula Tagelicht war ihre Schwägerin, die mit ihrem Mann Izio 1943 im Konzentrationslager Treblinka von den Deutschen umgebracht wurde. Ihr Sohn Jerzy, auf der Suche nach den Eltern, wird von einem SS-Mann am Zaun des Warschauer Ghettos erwischt und sofort erschossen.
Von der anderen weiß man fast gar nichts
Von Karola weiß man viel, von Andziula praktisch nichts. Sie war Schülerin von Mary Wigman und versuchte im Ghetto, mit ihren Tanzvorführungen gegen die Verzweiflung anzukämpfen. Ein paar Papiere nur sind von der Familie übriggeblieben, die Briefe, die Karola in den USA erhielt, Erinnerungsblätter in Yad Vashem.
Annemarie Dannenmann, die den Kreis seit 30 Jahren leitet, kann über 30 Frauen begrüßen, von denen viele auch an einer Reise nach Warschau teilnahmen und dort auch auf Nazi-Spuren unterwegs waren. Sie singen ein Lied, das Schalom Ben-Chorin im Jahr 1942 schrieb: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.“
Dannenmann trägt ein Gebet vor, das im KZ Ravensbrück entstand, wo „die Grausamkeiten allem bis dahin Bekannten spotteten“. Es stellt die Frage: „Wie können die Henker dazu gebracht werden, Abstand zu nehmen von ihrem Wahn?“ Die Texte passen gut zum Thema, sagt sie.
Denn, so der Referent zu Anfang, es geht auch um die „Albträume der Shoah“. Die Tochter des Textilfabrikanten Maurycy Piotrowski und dessen Frau Helena aus Lodz hat ihre gesamte Familie durch den Vernichtungswillen der Deutschen verloren. Der Aufstand im Warschauer Ghetto war ihr immer „ein Symbol für die Verteidigung der Würde des Menschen.“
Schröter hat das Glück gehabt, sie die letzten 16 Jahre ihres Lebens begleiten zu dürfen. Charakterisiert sie als starke Frau, das Abstauben der Büste des Denkers, das Hertragen der Pantoffeln und das Tippen der Manuskripte war nicht ihre Sache. Erzählt ihren beruflichen Weg nach, nimmt Bezug auf das Eheleben der Blochs, die Stationen der Emigration bis zur Rückkehr in die DDR, geht auf ihre Arbeit dort ein. Er zeigt die Porträtzeichnungen, die ihr Zeichenlehrer Ludwig Meidner von der attraktiven jungen Frau anfertigte.
Eine Verbindung ins Steinlachtal
Es gibt eine Verbindung ins Steinlachtal, die Blochs waren befreundet mit Adolf Lowe, einem berühmten Wirtschaftswissenschaftler, dessen Frau Bea aber war die Schwester von Artur und Felix Löwenstein, den Eigentümern der Mössinger Pausa. Verblüffend, wie plötzlich alles zusammenhängt.
„Liebevoll und anschaulich“, voll mit „interessanten Zusammenhängen“ sei der Vortrag gewesen. Wie kamen die beiden zusammen? will man wissen. Nun, Rudi Dutschke hat sie zusammengebracht, er schleppte Schröter mit zu einer Verabredung ins Wohnhaus, „Na, komm mal rein!“, sagte sie.
Die Fotos kennt man, das scharfe Profil, die unvermeidliche Zigarette „Marke R6“. Die Blochs haben einfach dazugehört, hieß es in der Berichterstattung im TAGBLATT. Die in Tübingen aufgewachsene Brigitte Thomas, früher in Nehren, jetzt in Balingen wohnhaft, hat Karola auch selbst kennengelernt, in der Friedensbewegung. Thomas hat ihr zugehört, bei Friedenskundgebungen auf dem Marktplatz, etwa als sie mit dem Griechen Mikis Theodorakis und dem Kirgisen Tschingis Aitmatov auftrat. Karolas Erinnerungen „Aus meinem Leben“ werden gut verkauft, Schröter muss signieren, Nehren ist ein Ort der Begegnung, sagt er am Ende. So soll es sein, meint Dannenmann.
Info Irene Scherer und Welf Schröter, Karola Bloch, Architektin, Sozialistin, Freundin. Talheimer Verlag, 392 Seiten, 44 Euro