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Sport, Politik und Spott

Fußballveteranen mit einem ganz besonderen Stammtisch

Was sie verbindet: der Sport. Die Geselligkeit. Die Erinnerungen. Das Politisieren. Im Nehrener Sportheim trifft sich seit Jahren ein kurioser Stammtisch von Fußballveteranen.

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Jürgen Jonas
Jeden Donnerstag trifft sich bei Regina Hartmeyer im Nehrener Sportheim ein ... Jeden Donnerstag trifft sich bei Regina Hartmeyer im Nehrener Sportheim ein Alt-Fußballer-Stammtisch, bei dem auch die Politik – die hohe und die kleine in der Gemeinde –, der Spott und die Schadenfreude nicht zu kurz kommen. Bild: Rippmann

Nehren. Der Donnerstag ist ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens. Was, wenn es ihn nicht gäbe? Noch wichtiger als anderswo scheint er in Nehren. Unten an der Steinlach. Vor allem der Abend. Da trifft sich bei Regina Hartmeyer in der Gaststätte im Sportheim ein Stammtisch, der es in sich hat. Ehemals Aktive des Vereins, fast alles Fußballer. Heiter, munter, nadelspitz, erinnerungsstark sitzen sie beisammen, ganz unterschiedliche Persönlichkeiten.

Einig sind sie sich darüber, was sie alle verbindet, die Leidenschaft für den Sport und „die unzähligen schönen Stunden, die wir mit und im Sportverein verbracht haben“, sagt Hans-Jürgen Müller. Er freut sich an der Runde, hält sie zusammen. Müller hat, immer als Tormann tätig, unglaubliche 700 Spiele für den Verein absolviert, weit mehr als alle anderen.

Immer wieder werden alte Geschichten aufgetischt, aber auch aufgefrischt. Klar, es geht ums Kicken, gleich nach dem Anpfiff, wenn der zweite sich zum ersten hockt. Die Situation der Nehrener Mannschaft, die Bundesligatabelle. Und Obstexperten sind sie eigentlich fast alle. Wissen auf den ersten Blick Gloster von Gewürzluiken zu unterscheiden und diese wiederum von Goldparmänen.

Dazu kommt natürlich die Politik. Die Situation der FDP wird ausgeleuchtet, nicht ohne Schadenfreude. Und der Bundespräsident? Au je! Auch Würdenträger der Kirchen sind öfter mal einem kritischen Blitzgewitter ausgesetzt.

So ganz zarte Gemüter dürfen sich nicht untermischen. „Aufgezogen werden und selber aufziehen, das gehört bei uns dazu“, sagt Karl Zapf. Ehemals Vertragsspieler beim SV Nehren, später Spielertrainer. Bei ihm hat Müller eigentlich erst gelernt, wie Fußball geht. Zapfs Bruder Manfred spielte in der Nationalmannschaft der DDR. Die Geschichte, wie Zapf die DDR verließ, wird zu einer immer abenteuerlicheren Räuberpistole ausgeschmückt.

Hier hätte der Generalsekretär einer langjährigen bayrischen Regierungspartei Schwierigkeiten, die Oberhoheit zu reklamieren. Von reaktionärem Dunst, den man Stammtischen gerne zumisst, ist nichts zu spüren. Weltoffen sind sie, steigen hinter die Dinge, spüren Widersprüche auf, nehmen kein Blatt vor den Mund, bleiben dabei versöhnlich. Lustig geht es jedenfalls zu, ein Thema findet sich alleweil. „Bei uns passt der Humor zusammen,“ heißt es.

Das Alter geht von fast sechzig bis etliches über achtzig. Generationenübergreifend, wie man heute sagt. Walter Fauser, Sohn des legendären Sozialdemokraten Jakob, der älteste Teilnehmer, war zur Blütezeit SVN-Vorsitzender, beim Aufstieg in die Landesliga und als das Sportheim gebaut wurde. Sein Bruder Günter ist bis heute bekannt als Techniker. Beide können viele Geschichten ausbreiten, aus denen sich die Geschichte des Vereins zusammensetzen lässt. Hartmut Eißler, Spielleiter in der Landesliga-Zeit, Hans Düren, „einer der besten Nehrener Fußballer aller Zeiten“, Günter Müller, Spieler in der Mannschaft, die es zum A-Klassen-Meister brachte. Gerhard Keck liebt es, an den Abenden zu politisieren.

Ebenso wie Heinz Kuttler, der in seiner aktiven Zeit erst im Mittelfeld und dann als Mittelläufer spielte. Für die Schiedsrichter aufgrund seiner Beredsamkeit wohl nicht immer ganz einfach. „Unser Oberspruchbeutel!“, sagt Zapf, „da kommt heut‘ noch keiner mit! Im Spitznamengeben sind sie spitze, die Nehrener!“

Wie beim „Boizer“ Günter Nill, einem der stärksten linken Verteidiger, des Vereins. „Oft ist er direkt von der Heuernte auf dem Platz erschienen, und keiner kam an ihm vorbei.“ Das ist freilich nun auch schon wieder über 30 Jahre her.

Und manches noch länger. Früher war der Trainingsplatz hinterm Nehrener Hof, der im Volksmund Ewiges Licht hieß. Wenn es regnete, wurde das Training in „s’ Säle“ verlegt, das große Hinterzimmer der Kneipe. Zapf führte dort in seiner allerersten Trainerstunde seine Flickflack-Künste vor. Da erinnert sich Albert Dürr, Lichtwirtssohn, noch ganz genau, wie sein Vater Karl aus dem Sälchen in die Gaststube kam und verblüfft sagte: „Do husse isch oiner, dr ka de dopplete Salto, ond ausere kennet net amol n Buuzelboom.“

Dürr kommt aus Ofterdingen herüber, ist aber Nehrener Ursprungs. Ebenso wie Walter Dürr, genannt „Don“, einer der größten Offenbach-1864-Fans auf der weiten Erde, als Leichtathlet bis heute bekannt. Besonders wortturbulent geht es zu, wenn Koryphäen vom Tennisclub nach dem Training herüberschauen. Dieter Nill, früher selbst ein begnadeter Skifahrer, ist regelmäßig Gast, der sich schlagfertig einschaltet.

Der Alten Wort ist gefragt. Die Jungen von der ersten Mannschaft hocken sich gerne dazu, nach dem Training, da ist was los bei den Alten. Trunkheroismus ist hier nicht angesagt. Die Sportler kennen ihre Grenzen. Gegen später freilich, Viertele und Weizenbiere mehren sich, beginnt der Zusammenhang zu fehlen. Aber nur oberflächlich gesehen. Es wird auf merkwürdige Weise literarisch. Die Sätze lösen sich und schweben umeinander. Plötzlich ist von Herzkirschen die Rede, ungeheuren Exemplaren, groß wie Tomaten. Von einer Frau mit Kittelschürze, die einen Schnurrbart hatte „wie eine Feldkatze“. Und so weiter. Wenn jetzt ein Schriftsteller dabei säße, der bräuchte nur mitkritzeln, um Stoff zu haben.

So kommen sie zusammen, die Veteranen an ihrem Donnerstag. Anfang Februar werden sie an ihrem Tisch eine große Mostprobe veranstalten. Jeder bringt von seinem ein ausreichendes Quantum zum Vergleich mit. Dieter Nill nimmt die Prämierung schon vorweg: „Meiner ist in ganz Europa als der Beste angesehen!“ Na, mal sehen, was die andern dazu sagen.

24.01.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 24.01.2012 - 08:09 Uhr

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