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Die Kraft des Gegners nutzen

Calabrese unterrichtet Kampfsport und Sozialverhalten

Kickboxen – eine moderne Sportart, die Karatetechniken mit traditionellem Boxen verbindet. Die Kunst der Selbstverteidigung kann die Kraft des Selbstbewusstseins entwickeln. In Nehren will Salvatore Calabrese dazu eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche bieten.

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Jürgen Jonas
„Bei uns ist noch nie was passiert“, versichert Salvatore Calabrese (links), der seinen ... „Bei uns ist noch nie was passiert“, versichert Salvatore Calabrese (links), der seinen Schülern nicht nur Kickboxen beibringen will, sondern ihnen auch „Spaß an der Freude“ vermitteln: Hier trainiert er mit Hannes Steinhilber, im Hintergrund wartet Alexander Calabrese. Bild: Franke

Nehren. Da geht es Schlag auf Schlag. Kick auf Kick. Fäuste fliegen. Beine gehen hoch. Füße werden zu Schlaginstrumenten. Das klatscht und knallt. Menschen stöhnen, schreien. Das klingt schon ziemlich bedrohlich. Aber keine Angst: Es handelt sich nur um Geräusche von Kickboxern aus den Räumen der „SC-Gym“. Die Einrichtung ist unauffällig untergebracht, in der Kirschenfeldstraße, im Industriegebiet, auf dem Gelände der Firma Rilling. Da hat man seine Ruhe, sagt Salvatore Calabrese, und mehr als genug Parkplätze. Calabrese betreibt hier seine Sporteinrichtung seit 2007. Hat an fünf Tagen in der Woche ein vielfältiges Angebot. Selbstverteidigung für Kinder ab sechs Jahren. Kampfsporttraining gibt es, zwei Mal in der Woche, für erwachsene Anfänger und Fortgeschrittene. Zwei mal Tae-Bo, einmal „Fitmix für alle“. Dann noch Training für Bauch, Beine und Po.

Calabrese hat Hornhaut an den Füßen. Der 50-Jährige, ansonsten Geschäftsführer einer ortsansässigen Firma für Gerüst- und Schaltechnik, verbringt einen großen Teil seiner Freizeit auf dem Holzboden. Um Sport zu lehren, der Karatetechniken mit dem traditionellen Boxen verbindet.

Glaubhaft versichert er: Es geht ihm nicht um Geld. Der Beitrag ist relativ gering. Fitness steht natürlich schon ganz vorne, aber „wir sind kein Fitness-Center“. Eine Vertragsbindung besteht nicht. Sein Grundgedanke war, eine Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche zu bieten.

Sein „großes Ziel“ ist es, über den Sport Sozialverhalten einzuüben. Bei der Entwicklung von Selbstbewusstsein zu helfen. Und einfach auch „Spaß an der Freude“ zu vermitteln. Wer sich zur Kampfmaschine ausbilden lassen will, ist fehl am Platz. Eher geht es um „kluges Verhalten“ in brenzligen Situationen. Überschüssige Kraft in ungefährliche, gesicherte Bahnen zu lenken.

Im Sportverein Nehren hat er etliche Jahre in der Abteilung Gymnastik Tae-Bo für Kinder angeboten, jetzt fehlt ihm die Zeit dazu. Im Moment betreut er 30 Kinder von sechs bis 16 Jahren, es gibt eine Gruppe von Mädchen von 14 bis 23 Jahren. Sie kommen vor allem aus Nehren, aber auch aus Mössingen, Dußlingen, Ofterdingen, Gomaringen.

Und gewinnen hier Sicherheit. Wie setzt du einen Bahnhofsschläger außer Gefecht? Eine Regel lautet: Du musst die vom Gegner eingesetzte Kraft nutzen, um ihn elegant auszuhebeln und abzuwehren. Liest sich gut, aber wie das genau vonstatten geht mit der Nutzung der fremden Kraft, das bedarf der Übung. Calabrese zeigt es. Geduldig. Man sieht es seinen Bewegungen an, wie oft er das selber geübt und anderen gezeigt hat.

Seit über 30 Jahren lebt er in Nehren, kam mit seinen Eltern, die in einem Bergdorf hinter Mailand wohnten, als kleiner Stöpsel nach Deutschland. Hat eine Trainerausbildung gemacht und viele Lehrgänge besucht. Kampfsport hat ihn immer fasziniert. Seit er 14 Jahre alt wurde, übt er ihn aus. Hat mit Regina Halmich in einer Karlsruher Sportschule geboxt und beim mehrfachen Weltmeister im Super-Mittelgewicht Sven Ottke Lehrgänge besucht.

Im Geräteraum gibt es viele Hanteln, Springseile, Schnellkraftbänder, Dutzende von Schlagpolstern, mit denen die Kämpfer ihre Hände schützen. Seine Schüler zeigen die verschiedenen Arten zu schlagen, umspringen die Sandsäcke, auf die sie einhämmern. Schweißtropfen fliegen. Anderthalb bis zwei Stunden hartes Training ist angesagt. „Man kann sich hier voll verausgaben“, sagt der Chef, Aggression abbauen, manche seiner Schüler kommen nach der Arbeit, reagieren sich ab, schöpfen damit aber neue Kraft für den nächsten Arbeitstag. Es sieht wild aus, ist aber „alles unter Kontrolle“. Und „bei uns ist noch nie was passiert“.

Anfang Dezember war in Kirrlach, einem Stadtteil von Waghäusel im Norden des Landkreises Karlsruhe, eine „K1-Gala“, bei der drei seiner Schüler vordere Plätze belegt haben. Sein Sohn Alexander, 15, Hannes Steinhilber aus Ofterdingen, 22 Jahre alt, Isma Lucican, 20 Jahre, aus Bosnien stammend, und Christian Klöpfel.

Kickboxen als Wettkampfdisziplin, damals noch Sport-Karate genannt, gibt es seit 1974. Der Sport ist organisiert, es gibt auf Bundesebene einen Verband, der der World Kickboxing Association angeschlossen ist. Das Kampfsport-Regelwerk K1 (das K ist abgeleitet von verschiedenen Techniken, die mit dem Buchstaben beginnen) ist in den 80er-Jahren entstanden. Mit ihm wurde es möglich, Sportler aus den verschiedenen Disziplinen gegeneinander antreten zu lassen.

Jetzt plant Calabrese, eine Kickbox-Gala in der Nehrener Turnhalle auszurichten. Der Erlös soll zu einem Teil (mindestens 1000 Euro) an das Tübinger Haus für krebskranke Kinder gehen. Dabei arbeitet Calabrese mit Dirk Luz zusammen, der in Nehren ein Versicherungsbüro hat und als Sponsor der Sportler auftritt. Seine Leute werden Vorkämpfe bestreiten, erwartet werden Kickboxer, die einen Namen in der Szene haben. Für den Sport setzt Calabrese seine Energie ein. „Ich bekomme etwas zurück, was man nicht für Geld kaufen kann.“

22.01.2012 - 08:30 Uhr

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