Der Landkreis Tübingen gibt etwa fünf Mal so viel Geld für den Öffentlichen Nahverkehr aus wie der Kreis Reutlingen. Im Grenzverkehr zwischen Tübingen und Reutlingen, zum Beispiel auf den Härten, macht sich dieses Ungleichgewicht bemerkbar. Warum subventioniert Reutlingen die Busse so viel schlechter als Tübingen? Wir fragten Thomas Leichtle, Leiter der Abteilung Abfallwirtschaft und Verkehr, im Reutlinger Landratsamt.
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Thomas Leichtle Privatbild
Herr Leichtle, der Landkreis Reutlingen gibt sehr viel weniger für Zuschüsse beim Busverkehr aus als der Kreis Tübingen.
Thomas Leichtle: Ja, genau, so ist es.
Aber warum unterstützt der kleinere Kreis, nämlich Tübingen, den ÖPNV mit rund 4,2 Millionen Euro im Jahr und der größere, nämlich Reutlingen, nur mit 850 000 Euro im Jahr 2012?
Wir finden hier andere Strukturen vor und haben deshalb eine andere Philosophie. Bei uns in Reutlingen gibt es starke eigenwirtschaftliche Unternehmen im Busverkehr. Wir setzen auf sie und haben so ein relativ gutes Netz im Kreis – im Stadtverkehr sowieso – aufgebaut.
Wird denn keine Linie im Kreis Reutlingen subventioniert?
Wir bestellen nur wenige Verkehre. Nur da, wo es eigenwirtschaftlich nicht geht. Wir beteiligen uns etwa beim Expresso, dem Flughafenbus, oder zum Beispiel bei der Linie nach Zwiefalten, da geht es nicht anders. Wir versuchen es aber zunächst immer einvernehmlich mit den privaten Busunternehmern hinzubekommen. Auch bei der Vordere-Alb-Linie 100 Reutlingen, Eningen über Bad Urach, Hülben und Grabenstetten haben wir das gemeinsam hinbekommen.
Kann sich das dann bei den Fahrpreisen bemerkbar machen?
Nein. Die Fahrpreise sind Naldo-weit einheitlich geregelt. Das hat Naldo unter Kontrolle. Ob eine Linie sich lohnt, das hängt also vom Fahrgastaufkommen ab. In der Regel nimmt man in den Schwachlastzeiten etwas weg und verstärkt es dann an anderer Stelle, wo eine entsprechende Nachfrage ist.
Nicht ausgelastete Fahrten streichen, das klingt einfach, kann aber doch im Einzelfall bitter sein.
Wenn bei manchen Fahrten nur noch eine bis zwei Personen mitfahren, muss das Busunternehmen eben abwägen, wo eine entsprechende Nachfrage ist.
Und wer jetzt beispielsweise von seinem Arbeitsplatz im Industriegebiet Mark-West nach Reutlingen oder von Kusterdingen in eine Reutlinger Schule pendeln will, hat einfach Pech?
Wir haben dort keine Riesennachfrage, und außerdem fährt ja auch der Reutlinger Stadtverkehr ins Industriegebiet Mark West. Der RSV hat schon zugesichert, dass auf Reutlinger Gebiet für eine gute Entlastung gesorgt werden wird.
Muss man sich als Fahrgast, der kreisüberschreitend unterwegs ist, eher mal aufs Umsteigen in eine andere Linie gefasst machen?
Unsere Beobachtung ist, dass die Verkehrsströme sich an dieser Stelle mehr innerhalb der Kreise als grenzüberschreitend bewegen.
Wachsen bei attraktiven Angeboten die Fahrgastzahlen nicht automatisch?
Ja, wir schauen auch nicht nur auf die bestehende Nachfrage, wir überlegen genauso, was für Möglichkeiten und Potenziale in den verschiedenen Verbindungen stecken.
In Tübingen denkt man derzeit sogar auf Empfehlung der Landesregierung über eine Busumlage für alle und damit freien Busverkehr nach. Wie hält man es damit in Reutlingen?
Damit wären erhebliche Finanzierungsprobleme verbunden, sodass das für uns und Naldo nicht angedacht ist. Für uns wäre das ein sehr weiter Weg dahin.
Ist es nicht vor allem eine politische Entscheidung, wie viel ein Kreis in den ÖPNV steckt?.
Ja. Aber Tübingen steckt auch deshalb mehr Geld hinein, weil es schlechtere Ausgangsbedingungen hatte als Reutlingen. Deshalb hat man vor Jahren schon mehr Geld in die Hand nehmen müssen, etwa zur Förderung der Ammertalbahn. Man muss berücksichtigen, dass der Landkreis Tübingen auch eine eigene Bahnlinie unterhält und betreibt. Der Löwenanteil der ÖPNV-Subventionen fließt da hin.
Träumen Sie nicht auch manchmal von einem höheren Etat für Reutlingen?
Man tut sich nicht unbedingt leichter, wenn man mehr Geld hat. Wir versuchen aus dem, was uns zur Verfügung steht, viel zu machen, da gehört Kreativität dazu, und die haben wir.
Und wie sieht die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen Ihnen und dem Tübinger Landratsamt aus?
In vielem liegen wir gar nicht so weit auseinander. Unsere Zusammenarbeit, gerade beim Thema Regionalstadtbahn, ist sehr gut. Und auch die Kooperation beim ÖPNV-Nachtverkehr klappt problemlos. Man weiß ja, zwischen Reutlingen und Tübingen ist ziemlich viel los.