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Leiser die Glocken nie klingen

Kirchengemeinde sieht Jahre voller Sanierungen vor sich

Pfarrer Reinhard Spielvogel fühlt sich wie beim Einkaufen: „Man braucht ein paar Socken und kommt mit einem Mantel sowie drei Anzügen wieder zurück.“ Die Kirche ist viel maroder als gedacht. Probleme bereitet jedoch auch die Bürokratie. Sie erweckt den Anschein, als würde nichts getan.

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Gabi Schweizer
Eine Stahlkonstruktion hält nicht ewig: Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Holzgebälk gegen ein ... Eine Stahlkonstruktion hält nicht ewig: Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Holzgebälk gegen ein metallenes getauscht worden – erfahrungsgemäß macht dieses, bei entsprechender Belastung, nur ein halbes Jahrhundert mit. „Sofort abstellen!“ hatte ein Fachmann schon vor zwei Jahren über die Gomaringer Kirchenglocken gesagt. Dass die Sanierung so aufwändig werden würde, hatte Pfarrer Reinhard Spielvogel (Bild) damals noch nicht geahnt. Archivbild: Rippmann

Gomaringen. „Ha, bei euch läuft auch nichts!“ Diesen Spruch hörte Kirchengemeinderat Cornelius Haefele neulich von einem Gomaringer. Zum Glück war es jemand aus der bürgerlichen Gemeinde und damit eine Person, der es egal war, ob die Kirchenglocken läuteten und ob das Dach dicht hielt. Unter den Protestanten, das hat Haefele schon gemerkt, gibt es Menschen, die sich ernstlich aufregen. In der Tat ist es schon zwei Jahre her, dass die Glocken im Kirchturm verstummten. Doch schon die kleinsten Entscheidungen erfordern eine enge Absprache nicht nur mit dem Architekten und den Handwerkern, sondern auch mit dem Denkmalamt und dem Oberkirchenrat – das Gebäude gehört schließlich der Landeskirche.

Die Westwand wölbt sich nach außen

Es wird, wie es aussieht, noch viel abzusprechen geben. Zunächst war die Rede von einem maroden Glockenstuhl. Dann war klar: Auch das Turmdach ist nicht mehr intakt. Der Turm wiederum könnte durch seine Schwingung das Dach des Kirchenschiffs in Mitleidenschaft gezogen haben. Jedenfalls sind einige Balken morsch, und bei dem heftigen Unwetter neulich regnete es in den Altarraum. Jedes Mal, wenn ein Sturm aufzieht, denkt Reinhard Spielvogel mittlerweile an die Kirche: „Ich muss gestehen, dass ich die Luft anhalte und sage: ,Herr, bitte nicht!‘“ Freilich versichert er gleich darauf, dass die Kirchengemeinde noch nicht fahrlässig handle, wenn sie die Kirche weiterhin benutze – aber alles sei halt in die Jahre gekommen.

Hat das schwere Dach vielleicht auch die großen Risse verursacht, die sich über den Wölbungen der Rundfenster nach oben ziehen? Oder waren es die Wurzeln, die die Mauer von unten angriffen? Klar ist das nicht, die Experten streiten darüber. Klar ist hingegen: So kann das Gemäuer nicht auf Dauer bleiben. Viel dringender sanierungsbedürftig ist jedoch die Westwand, die zwar nicht von Rissen durchzogen, dafür aber nach außen gewölbt ist: „Wenn ein kleiner Erdstoß käme, könnte es sein, dass der ganze Giebel runterkommt“, sagt Haefele – Gomaringen liegt immerhin im Erdbebengebiet, der Zollerngraben ist nicht weit.

Das klingt nach sehr viel Geld, was die Kirchengemeinde investieren muss. Sie muss für den größten Teil der Kosten aufkommen: Der Oberkirchenrat zahlt ein Drittel, der Kirchenbezirk ein Zehntel, die Kirchengemeinde den Rest. Einen vergleichsweise kleinen Teil hat die bürgerliche Gemeinde zu leisten – sie ist für die Uhr komplett und für die Glocken zur Hälfte zuständig.

Zunächst einmal, das machten Haefele und Spielvogel bei einem Pressegespräch am Mittwoch klar, müssen der Turm und das Dach des Kirchenschiffs saniert werden sowie die Westwand. Laut ersten Schätzungen wird allein dieser Bauabschnitt 738 000 Euro kosten – mit eingerechnet sind neben der statischen Grundsanierung und dem Dach die Instandsetzung der Glocken, die Renovierung der Außenfassade und die Entwässerung. Die restlichen Arbeiten sollen über die kommenden zehn Jahre verteilt werden, so der grobe Zeitplan. Neue Sitzgelegenheiten (und die damit verbundene neue Heizung) oder dergleichen sind momentan einfach nicht drin, machten Spielvogel und Haefele deutlich.

Kirche will nicht nur Bauausschuss sein

Bei einer Infoveranstaltung am kommenden Montag werden Architekt Klaus Kellhammer, Kirchenpflegerin Inge Kern und die Statikerin über den aktuellen Sanierungs-Stand berichten und erläutern, wie es um das 170 Jahre alte Gotteshaus steht. Zuletzt wurde es 1960 saniert. Erbaut ist es, protestantischer Bescheidenheit entsprechend, im schlichten Finanzkammerstil, steht aber dennoch unter Denkmalschutz. Als die Kirche 1840 eingeweiht wurde, war Gustav Schwab gerade Pfarrer in der Gemeinde.

Allerdings widerstrebt es dessen Nachfolger, sich primär mit baulichen, also weltlichen, Angelegenheiten zu beschäftigen. Schließlich müsse man sich auch um den inneren Bau der Kirche kümmern, betont Spielvogel: „Wir sehen unsere Aufgabe nicht darin, Bauausschuss zu sein.“ Eine Predigtreihe zum Jahresthema „Seelsorge“ beginnt darum am kommenden Sonntag – „Beziehung hilft“, heißt der erste Teil, in den folgenden vier Wochen geht es um Glaube, Diakonie, Gemeinschaft und Begleitung. Geplant sind außerdem Fachvortrag: Am 24. Januar um 17 Uhr referiert Bärbel Hartmann, Leiterin des Stifts Urach, über Besuchsdienste. Der Vortrag richtet sich insbesondere an Menschen, die unsicher sind, wie sie sich in solchen Situationen verhalten und wie sie den von ihnen Besuchten begegnen sollen. Am 10. Mai spricht Psychiater Matthias Samlow über die Ursachen psychischer Erkrankungen. Anlass dafür, so erläutert Haefele, sei die subjektive Wahrnehmung, dass immer mehr Menschen darunter leiden: „Von hundert Menschen haben 20 bis 30 in irgendeiner Form eine psychische Beeinträchtigung.“

Im Herbst dann folgt ein Seminar, das sich insbesondere, aber nicht nur, an die ehrenamtlich Tätigen in der Kirchengemeinde richtet. „Vom ich zum du“ heißt es und handelt beispielsweise von grundlegenden Lebensprozessen und hilfreichen Kommunikationsmethoden.

Info: Wie es mit der Kirchensanierung weitergeht, erfahren Besucher am Montag, 16. Januar, um 20 Uhr bei einer Infoveranstaltung im Gemeindehaus. Der Architekt, die Statikerin, die Kirchenpflegerin sowie der Bauausschuss des Kirchengemeinderats werden auch vor Ort sein.

13.01.2012 - 08:30 Uhr

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