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Der Zollerngraben ist ganz zahm

Geologe Wolfgang Frisch über Erdbeben und Tsunamis

Über Erdbeben, Tsunamis, deren Ursachen und Vorhersagbarkeit sprach der Geologe Professor Wolfgang Frisch am Freitagabend auf dem Höhnisch – ein Festvortrag anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Karl-von-Frisch-Gymnasiums.

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Amancay Kappeller
Großneffe des Namenspatrons des Gymnasiums: Prof. Wolfgang Frisch, 67. Archivbild: Metz Großneffe des Namenspatrons des Gymnasiums: Prof. Wolfgang Frisch, 67. Archivbild: Metz

Dußlingen. Von 1981 bis 2009 lehrte Wolfgang Frisch – ein Großneffe des bekannten Verhaltensforschers Karl von Frisch, nach dem das Gymnasium auf dem Höhnisch benannt ist – an der Universität in Tübingen Geologie. Der 67-jährige Wiener zählt weltweit zu den bekanntesten Forschern auf dem Gebiet der Plattentektonik. Rund 200 Interessierte kamen am Freitagabend ins Karl-von-Frisch-Gymnasium auf dem Höhnisch, um sich den Vortrag des Erdbebenexperten anzuhören. Für die Allgemeinheit verständlich, beleuchtete Frisch die gefürchteten Erdstöße genauer.

Erdbeben, erläuterte Frisch, entstehen durch dynamische Prozesse im Erdinneren. Die Lithosphäre, die auch die Erdkruste umfasst, besteht aus sieben großen und mehreren kleinen Platten.

Konvektionsströme im Erdmantel treiben die Platten an, sodass sie sich gegen- oder auseinander bewegen und dadurch Erschütterungen verursachen. Fast alle Erdbeben, so der Geowissenschaftler, seien an Plattengrenzen gebunden. Am gefährlichsten sind Zonen, in denen es zur Subduktion, zur „Unterschiebung“, kommt, erklärte Frisch. Dort wirken starke Kompressionskräfte. Im Pazifik etwa findet man solche Zonen - insbesondere dort können auch Tsunamis entstehen.

Die Stärke eines Bebens wird mit Hilfe der Richterskala bestimmt. Ein Seismograph zeichnet Erschütterungen auf. Anhand bestimmter Messungen – der Zeitdifferenz zwischen dem Einsetzen verschiedener Arten von Erdbebenwellen – lässt sich das Epizentrum eines Bebens herausfinden. Besonders zerstörerisch, so Frisch, sind die sogenannten „Rayleigh-Wellen“. Bei einem Beben der Stärke sieben wird 30 Mal so viel Energie freigesetzt wie bei einem Beben der Stärke sechs. „Die Kommastellen sind deshalb sehr wichtig“, verdeutlichte der emeritierte Professor.

Die Erdbeben im Zollern-Alb-Kreis – schwerere gab es 1911, 1943 und 1978 – seien immer mit dem Hohenzollerngraben in Verbindung gebracht worden, sagte der Geologe. Verantwortlich für die Erdstöße hier in der Gegend sei aber nicht der Zollerngraben, sondern die „Albstadt-Störungszone“. Wolfgang Frisch: „Der Hohenzollerngraben richtet seismisch nicht viel aus.“ Die Albstadt-Störungszone liege noch unter dem Zollerngraben, etwa in zehn Kilometern Tiefe. Richtig gefährlich ist die San Andreas-Störung in Kalifornien, erläuterte der Referent: 1906 legte ein Erdbeben mit einer Stärke von über acht auf der Richterskala San Francisco in Schutt und Asche.

Pro Jahr verschieben sich die Nordamerikanische und die Pazifische Platte hier um sechs Zentimeter. Frisch zeigte ein Bild von einem kalifornischen Holzgartenzaun: 1906 wurde er aufgrund der starken Erdstöße auseinandergerissen – die eine Hälfte wurde um etwa fünf Meter versetzt.

Trotz aller Fortschritte in der Forschung lassen sich Erdbeben bisher nicht präzise vorhersagen, betonte Frisch – obwohl die gefährdeten Zonen bekannt sind. Laut Berechnungen wird es in oder um Istanbul herum irgendwann (wieder) ein schweres Beben geben. Der genaue Zeitpunkt lässt sich aber nicht bestimmen. Große Beben, so Frisch, wiederholen sich nach mehreren 100 Jahren. Je größer das Beben, desto früher setzten Vorwarnzeichen wie etwa eine Deformation der Kruste, Änderungen der Geschwindigkeiten seismischer Wellen oder der elektrischen Leitfähigkeit des Gesteins ein.

Wenn sich Erdbeben schon nicht vorhersagen lassen, so könnten größere Schäden bei entsprechender Bauweise doch vermieden werden, sagte Frisch. Rollt allerdings eine durch ein Beben oder durch eine Vulkanexplosion im Ozean verursachte Riesenflutwelle, ein Tsunami an, halten auch erdbebensicher gebaute Häuser meist nicht stand. Auf dem Meer sind diese Riesenwellen, die bis zu 30 Meter hoch werden können, „völlig harmlos“, so Frisch. Ihre zerstörerische Kraft entfalten sie erst, wenn sie auf Land treffen. Daher kommt auch der Begriff Tsunami, „Hafenwelle“, den japanische Fischer einst prägten: Sie kehrten vom Fischfang in den Hafen zurück und fanden diesen verwüstet vor – auf hoher See hatten sie überhaupt nichts von der „Monsterwelle“ mitbekommen.

Den Bau von Kernkraftwerken an der japanischen Ost- und Südküste hält Frisch für „verantwortungslos“ – schließlich seien diese Regionen nachgewiesenermaßen tsunamigefährdet. Allein fünf Starkbeben gab es seit 1896 vor der Ostküste von Nord-Honshu: 1963, 1969, 1973, 2003 und zuletzt 2011.

21.11.2011 - 08:30 Uhr | geändert: 21.11.2011 - 08:35 Uhr

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