Otmar Traber ist ein „Best Ager“ mit zwei Vorbildern: Benedetto, früher besser bekannt als Kardinal Joseph Ratzinger, „ein glücklich verwirrter Alter“, und Christian Wulff („der ist wie wir“). Das kann ja heiter werden. Wenn der Kabarettist es zu bunt treibt, greifen Jörn Baehr und Gerhardt Mornhinweg musikalisch ein.
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Gabi Schweizer
Über Schieflagen bestens im Bilde: Kabarettist Otmar Traber, kongenial begleitet von den Jazzmusikern Jörn Baehr und Gerhardt Mornhinweg (von links). Bild: Franke
Bodelshausen. Es wird schon am Donnerstagabend geknallt. Ganz viel Luft dehnt die Vesperbrottüten mit dem Eurozeichen drauf, und dann tut es einen großen Schlag, als alle 100 Besucher gleichzeitig den Ballon zum Platzen bringen. Das war’s mit dem Euro. Nein, vielleicht nicht mit dem Euro, eher mit dem Kapitalismus. Otmar Traber trägt Che Guevara auf dem Shirt und einen großen Verband am Mittelfinger. Eine 68er-Verletzung, lässt er das Publikum wissen bei seiner „Jahresendabrechnung“.
Das neue Programm spielte er vorgestern Abend im Bodelshäuser Forum. Es ist eine ziemlich umfangreiche Show geworden, und das nicht nur, weil Traber – sehr zum Leidwesen seines Egos – die Bühne mit zwei beeindruckenden Jazzmusikern teilen musste. Nein, auch weil 2011 voller Stuttgart 21, politischer Wechsel, Ehec-Keime und windiger Gestalten war.
Da sind vor allem die Männer, die Barbies Ken in verschiedenen Inkarnationen ähneln: Herr von und zu Guttenberg („Ken junior“ oder „die bayrische Diana des Herzens“), Bunga-Bunga-Berlusconi („Ken senior“), Dominique Strauss-Kahn („Ken the Lover“) und, weit weniger schillernd, Stefan Mappus („Ken the Biedermann“). Nicht zu vergessen Christian Wulff, quasi ein Jedermann, der bescheißt, „so wie du und ich“. Daraus folgert Traber: „Auch ich könnte mal Bundespräsident werden!“ Natürlich ist Angela Merkel für einen Kabarettisten unverzichtbar – jedenfalls hätte er ohne sie nicht die Moritat von Mackie Messer so schön zu „Angie ratlos“ umdichten können.
Manchmal freilich schrammt Traber sehr knapp am Makabren vorbei. Dann nämlich, wenn er Fukushima und die FDP in einem Atemzug unterm Titel „Seuchen und Katastrophen“ nennt. Und ist es nun das gute Recht eines Kabarettisten, über Frauenfußball herzuziehen, oder nur die diebische Freude darüber, unterm Deckmantel des Künstlerischen alte Rollenklischees auftauen zu dürfen? Die einen klatschten (wenige), die anderen buhten (etwas mehr), eine dritte Zuschauergruppe blieb unschlüssig ruhig (die meisten). Immerhin: Zuletzt durften alle lachen – über einen selbstironischen Männerfußballwitz.
Hinter der Musik von Jörn Baehr (Gitarre) und Gerhardt Mornhinweg (Trompete) verbargen sich Abhandlungen über „Meine Sekretärinnen“ und einen Anrufbeantwortertext – hätte man’s nicht gewusst, man wäre nicht darauf gekommen. Und hätte doch schönen Jazz-Kompositionen gelauscht, die, mit einem Augenzwinkern vorgetragen, auch mal in dieses, mal in jenes Genre abdrifteten. Was würde zu Stuttgart 21 besser passen als ein etwas aus dem Gleis geratenes „Auf der Schwäbischen Eisenbahn“?
Traber übrigens hat den Bekennerzwang beim Thema auf seine Weise gelöst. Er trug – irritierend für meinungsfreudige Zeitgenossen – beide Buttons und machte sein Kreuzchen doppelt: bei Ja und Nein.