Daniel Schürer stellt Titel mit leerer Leinwand aus
Kunst im ehemaligen Stall – für die Reustener ist das seit zwei Jahren Alltag. Seit Weihnachten zeigt Daniel Schürer dort ungewöhnliche Arbeiten, die man jetzt für ein Jahr ausleihen kann.
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Matthias Reichert
Rahmen mit weißer Leinwand als Kunsterlebnis im Reustener Schweinekoben.Bild: Metz
Nebenan gibt es im Hofladen Milch, Eier und Kartoffeln. Und ein paar Häuser weiter feiert die örtliche Metzgerei ihr hundertjähriges Bestehen. Seit ein paar Jahren findet man mitten in der ländlichen Idylle von Reusten einen ungewöhnlichen Ausstellungsort: Kunst im ehemaligen Stall.
Drinnen ist es kalt, Glühwein wärmt die Vernissagen-Gäste. Zwei Hocker stehen unbeachtet neben den Kunstwerken an der Wand. Gegenüber rosten seit gut 17 Jahren die Futtertröge für die Kühe. Hier stellt Daniel Schürer seit Weihnachten wieder mal aus.
Rings um metallene Schweinegatter hängen ein paar Dutzend ungewöhnliche Bilder. Jedes besteht aus einem altertümlichen Rahmen, einer weißen Leinwand und einem kleingedruckten Titel. „Hier fährt keine U-Bahn mehr.“ Oder „J’ai tué Adolf Hitler“ – ich habe Adolf Hitler getötet. Oder „Zwangsversteigerte Doppelhaushälfte“. Die Bilder verschwinden zugunsten der Titel, die wiederum in den Köpfen der Betrachter eigene Bilder entstehen lassen. Die Ausstellung „Neue Bilder Tableaux Nouveaux“ steht im krassen Gegensatz zu den multimedialen Bilderfluten unserer Zeit.
Schürer lebt seit einem halben Jahr in Brüssel, leitet und organisiert dort Ausstellungen. Zuvor war er mit Familie in Bonn. Ein Jahr haben sie auch in Reusten gewohnt. Hier lebt seit Jahrzehnten die heute 94-jährige Oma von Schürers Frau. Ihr gehört der Stall, der seit 2009 dem Süddeutschen Kunstverein als Ausstellungs-Außenstelle dient. 92 Mitglieder hat der Verein, er ist auch in Berlin und Hildesheim aktiv. Zur Eröffnung der Reustener Stall-Galerie gab es 2009 eine Video-Liveschaltung des Münchner Künstlers Alexander Steig in einen Kuhstall. Die Kunstvereins-Mitglieder bauten eine Theke ein und die Milch-Sammelstelle aus, sonst ist der Stall noch weitgehend unverändert.
Für die neue Ausstellung hat Schürer die Rahmen auf Brüsseler Flohmärkten und in Antiquitätengeschäften zusammengetragen, die alten Bilder abgelöst und neue Leinwände mit Titeln eingesetzt. Die Überschriften sind auf Deutsch, Französisch und Portugiesisch.
Die Kunst im
postsakralen Raum
In Porto hat er vor zehn Jahren eine Art Kloster geleitet – mehr erzählt Schürer davon nicht. Doch die Kunst als postsakraler Raum – dieser Bezug lässt ihn nicht los. Mit dem Verein „Via 113“, der mit dem Süddeutschen Kunstverein kooperiert, errichtet Schürer „Kapellen“ in Privaträumen: Räume, die für die Kunst geschaffen oder eingerichtet werden. So wie jetzt der Reustener Stall. Wie früher Kapellen allen offen standen, ist auch der Stall für alle offen, die des Weges kommen – Passanten, Wanderer, Radfahrer. Ganz allein kann man sich mit den Werken auseinandersetzen. „Wir hatten schon sehr filigrane Kunstwerke hier, denen ist nichts passiert. Das Vertrauen ist groß“, sagt Schürer, der auch in Brüssel so eine Kapelle einrichtet.
In seiner neuen Ausstellung geht es „um Bilder und Nicht-Bilder“, sagt der 46-Jährige. Vom Rahmen und Aufhängen von Bildern handelte schon 1996 seine Diplomarbeit an der Uni Hildesheim, das Thema beschäftigt ihn bis heute. Man kann seine Nicht-Bilder auch kaufen, 500 bis tausend Euro das Stück. Aber Daniel Schürer will sie lieber für ein Jahr ausleihen. Bedingung: Wer eins der Bilder bei sich daheim aufhängt, wird gebeten, Schürer ein Foto des Kunst-Ortes und einen kleinen Erfahrungsbericht zukommen zu lassen. Wer interessiert ist, kann sich in eine Liste an der Theke eintragen.
Wie er zu den Titeln kommt, fragen die Gäste. Sie begegnen ihm überall. „Blass, sommersprossig und taubstumm“, heißt eine Überschrift. „So hat mein ältester Bruder auf die Frage geantwortet, wie seine Traumfrau aussieht“, erzählt Schürer. Eine weitere Arbeit mit der Unterschrift „Familienporträt auf dem Kirchberg“ findet sofort Interessenten.
Die Reustener Oma seiner Frau hat sich übrigens die Ausstellung am Vormittag noch vor den Vernissagengästen angeschaut. Fröhlich gelacht hat sie, erzählt Schürer.
Info: Die Ausstellung ist bis 18. Februar beim Süddeutschen Kunstverein, Jesinger Straße 8, in Reusten zu sehen: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.