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„Ärger ist ja ein normales Gefühl“

Psychotherapeut erklärt, warum Menschen sich aufregen

Manche Menschen schimpfen über alles und jeden. Warum? FLUGPLATZ sprach mit dem Psychotherapeuten Thomas Hess darüber.

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Thomas Hess Bild: Beyer Thomas Hess Bild: Beyer

FLUGPLATZ: Gibt es einen Grund, warum wir uns immer über alles und jeden aufregen müssen?

Thomas Hess: Zunächst einmal ist das natürlich Typsache. Es gibt Menschen, die sich viel aufregen, und welche, die es weniger tun. Ursachen liegen dafür sicher in beidem, der Genetik und der Prägung durch die Umwelt. Ärger ist ja im Grunde ein normales Gefühl, und ihn nach außen zu lassen hat ja durchaus auch positive Aspekte, ähnlich wie es auch bei anderen negativen Gefühlen Sinn macht, sie überhaupt bewusst wahrzunehmen und auch zuzulassen. Ärger zuzulassen statt die nervenden Dinge nur mit sich selbst auszumachen kann zunächst entlastende Wirkung haben. Wer sich ärgern kann, drückt damit doch immerhin auch eine gewisse kreative Lebendigkeit seiner Seele aus, worin auch ein Handlungsimpuls für Veränderung stecken kann.

Wo liegt dann das Problem?

Schwierig wird es, wenn der Ärger überhand nimmt und damit die Lebensqualität einschränkt. Das kann so weit gehen, dass es hilfreich oder notwendig sein kann, mit einem Therapeuten die nicht immer direkt zu durchschauenden Ursachen für die ständige Gereiztheit zu durchschauen. Ärger kann die Reaktion auf eine veränderte Lebenslage sein, und es ist möglicherweise eine Anpassung im Denken und Handeln notwendig. Letztlich kann Ärger aber auch Ausdruck einer weitergehenden psychischen Erkrankungen wie einer Depression sein.

Wo kommt der Ärger her? Entsteht er im Unterbewusstsein?

Gefühle entstehen zunächst einmal einfach in der Seele, quasi aus dem Unbewussten. Es ist dann ein reflektorischer Vorgang, sich zu überlegen, durch welche äußeren Faktoren die Gefühle entstanden sind, oder auch durch welche innere Stimmung oder Faktoren diese Gefühle begünstigt wurden. Gerade bei negativen Gefühle wie Ärger lohnt sich diese Reflektion, weil es hilft, diesen Gefühlen nicht immer nur ausgeliefert zu sein.

Gibt es beim Sich-Ärgern einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Bei der Häufigkeit gibt es vermutlich keine Unterschied. Das ist individuell verschieden von Mensch zu Mensch, aber wohl unabhängig vom Geschlecht. Jedoch gibt es bei den Gründen für den Ärger tendenzielle Unterschiede. So ärgern sich die meist leistungsorientierteren Männer wohl häufiger über Misserfolge, zum Beispiel im Beruf, während Frauen wohl häufiger an Enttäuschungen im zwischenmenschlichen Bereich leiden. Natürlich kann man eine gescheiterte Beziehung auch als Misserfolg verstehen, woran Menschen unabhängig vom Geschlecht leiden.

Wie sieht es mit dem Alter aus?

In den letzten Jahren wird viel Forschung zum Thema Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden betrieben. Dabei ist faszinierend zu sehen, dass bei Vergleichsbefragungen von 35-Jähringen und 70-Jährigen beide Gruppen die 35-Jährigen für die Glücklicheren halten. Macht man jedoch unter diesen Altersgruppen objektive Glücksbefragungen durch Fragebögen, kommt heraus, dass die 70-Jährigen höhere Glücklichkeitswerte erreichen. Man vermutet, dass die 35-Jährigen in ihrem stressigen Alltag und noch unsicheren Lebensverläufen belasteter sind als die 70-Jährigen, die zwar keine großen Erwartungen bezüglich Lebenszielen mehr haben, aber es häufig gelernt haben, sich an den kleinen Dingen im Alltag zu erfreuen.

Oft hören wir den Satz „Früher war alles besser“. Warum?

Das liegt daran, dass in der Erinnerung viel verklärt wird. An die positiven Sachen können wir uns oft besser erinnern. Schöne Kindheitserinnerungen sind wichtig für uns und ja nichts Schlechtes. Ein Grund für die „verklärte“ Vergangenheit ist vermutlich auch, dass man sich im Alter schwächer fühlt, gesundheitlich angeschlagen ist, teils Schmerzen, Einsamkeit und Langeweile ertragen muss und eben die Erinnerung an die Zeit der Blüte, der ersten Liebe, der sportlichen und beruflichen Erfolge die Vergangenheit positiver erscheinen lässt.

Gibt es Tipps, die Sie geben können, um weniger Ärger zu empfinden und so glücklicher zu werden?

Wichtig ist es, mehr auf das zu sehen, was man Gutes hat, und weniger auf den Mangel. Es gab ein Experiment unter Studenten, von denen drei Gruppen über einen gewissen Zeitraum am Abend drei erlebte Dinge des Tages aufschreiben sollte. Die erste Gruppe irgendwelche Ereignisse, die zweite Gruppe drei negative Tageserlebnisse und die letzte Gruppe drei positive Tagesereignisse.

Innerhalb weniger Wochen verbesserte sich das Glückempfinden der letzten Gruppe signifikant über das der anderen Gruppen, insbesondere über das der Gruppe mit der negativen Tagesreflektion. Wenn man Dankbarkeit und Gelassenheit in seinem Denken kultiviert und damit verstärkt, hat man gute Chancen, weniger Ärger und mehr Glück zu empfinden. Liegen dem Ärger jedoch weitergehende Ursachen oder gar eine Erkrankung zugrunde, kann auch wie erwähnt eine weitergehende therapeutische Unterstützung notwendig sein.

Fragen: Janosch Beyer, 21.

31.01.2012 - 08:30 Uhr

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