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Generationengerechtigkeit

Politologe: Rente mit 67 kommt zu langsam

Die gerade eingeführte Rente mit 67 wird von manchen Politikern wieder in Frage gestellt. Jörg Tremmel, 41, ist Juniorprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Uni Tübingen, mit dem Schwerpunkt Generationengerechte Politik. „Audimax“ fragte ihn nach der Rente und nach den Perspektiven der jungen Leute von heute.

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Jörg Tremmel hat zwei Doktortitel: einen sozialwissenschaftlichen von der Uni Stuttgart (2005) und ... Jörg Tremmel hat zwei Doktortitel: einen sozialwissenschaftlichen von der Uni Stuttgart (2005) und einen in Philosophie von der Uni Düsseldorf (2008). Er machte außerdem eine Banklehre und absolvierte ein betriebswirtschaftliches (Fern-)Studium mit Abschluss Diplomkaufmann. Seit 2010 ist er Juniorprofessor für Generationengerechte Politik in Tübingen. Bild: Metz

Audimax: Herr Tremmel, im Moment ist gerade die Rente mit 67 wieder in der Diskussion. Wie ist sie unter dem Aspekt Generationengerechtigkeit zu beurteilen?

Jörg Tremmel: Die Rente mit 67 wird sukzessive seit dem 1. Januar 2012 eingeführt. Das Renteneinstiegsalter wird um einen Monat pro Jahr angehoben. Das heißt, erst der Geburtsjahrgang 1964 muss bis 67 arbeiten. Gerechter wäre es aber, die Rente mit 67 schneller einzuführen, ich wäre für zwei Monate Anhebung pro Jahr.

Damit die Jüngeren nicht die ganze Last der Einführung tragen müssen?

Ja, genau. Wir hatten ja sehr lange gar keine Koppelung des Rentenalters an die steigende Lebenserwartung. Die ist überfällig angesichts der demographischen Entwicklung. Man sollte sie jetzt beschleunigen, nicht immer neue Verzögerungen einfordern, wie der Deutsche Gewerkschaftsbund und Herr Seehofer das tun. Das wäre im Sinne der Jüngeren, die sowieso bis 67 arbeiten müssen. Ich sehe mich da als Anwalt der Jugend.

Sie forschen zum Thema Gerontokratie. Haben wir wirklich eine Herrschaft der Alten?

Ein Anzeichen dafür war die Einführung der Rentengarantie 2009. Das war ein Akt des vorauseilenden Gehorsams gegenüber den älteren Wählern. Früher waren die Renten an die Entwicklung der Löhne gekoppelt. Wenn man eine rückläufige Reallohn-Entwicklung hat, dann sollten auch die Renten nicht steigen. Alles andere wäre eine einseitige Privilegierung der Alten zu Lasten der Solidargemeinschaft. Ich bin deshalb dafür, dass man die Rentengarantie wieder abschafft.

In der Demokratie, die auf Mehrheitsentscheidungen beruht, ist eine schwächere Generation gegen eine zahlenmäßig stärkere eigentlich sowieso im Nachteil.

Dieses Problem besteht in der Tat. Deshalb bin ich auch dafür, den Unter-18-Jährigen ein Wahlrecht durch Eintragung zu geben. Dann würde die Machtverschiebung an der Wahlurne wenigstens etwas gemildert. Man würde dabei nur den Unter-18-Jährigen, die das verlangen, ein Wahlrecht geben. Die Jugendlichen müssten sich einmalig selbständig in eine Wählerliste eintragen. Solch ein formloses Verfahren müssen in Frankreich oder den USA alle Personen machen, die wählen wollen.

Aber ein solches Wahlrecht privilegiert doch eher die Gebildeten und damit die höheren Einkommensschichten, wie man aus Ländern weiß, in denen man sich zu Wahlen registrieren muss.

Ich finde es nicht negativ, wenn vor allem die Informierten wählen gehen, dann gibt es auch weniger Stimmen für Rechtsradikale wie die NPD. Das Wahlrecht durch Eintragung ist keine Diskriminierung. Man müsste natürlich den politischen Unterricht in den Schulen verstärken, das wäre eine automatische Folge von so einem Schritt.

In praktisch allen demokratischen Gremien liegt das Alter über dem Bevölkerungsdurchschnitt.

Ja, deshalb bin ich auch der Meinung, dass man überall über Jugendquoten nachdenken sollte: in der Selbstverwaltung der Rentenversicherung, im Rundfunkrat, in der Selbstverwaltung der Sozialversicherungsträger und eben auch im Bundestag. Überall sollte ein bestimmter Prozentanteil von Jugendlichen und jungen Leuten vertreten sein.

Kann man denn aber generell sagen, dass in der deutschen Gesellschaft immer die Älteren im Vorteil sind? Die Jüngeren haben heute bessere Bildungschancen, sie profitieren vom technischen und medizinischen Fortschritt, von der Entwicklung der Kommunikationsmöglichkeiten.

Diese Abwägung der allgemeinen Lebenschancen ist schwierig. Sicher, die Jüngeren haben ein höheres Bildungsniveau und eine längere Lebenserwartung. Andererseits war es für die in den 1950er Jahren Geborenen viel leichter, in einen Beruf einzusteigen. Heute haben wir eine höhere Arbeitslosigkeit. Man spricht ja nicht umsonst von der „Generation Praktikum“.

Was wiegt schwerer für die Jungen: das ererbte Vermögen oder die Hypothek?

In Bezug auf die Staatsverschuldung und Umweltprobleme sind die Jungen heute eindeutig schlechter dran als vorhergehende Generationen. Dass die Jungen eine schwere Erblast zu tragen haben, ist auch die allgemeine Einschätzung. Ich stelle auf Tagungen eingangs immer die Frage, ob die Teilnehmer glauben, dass die nachkommende Generation eine bessere oder eine schlechtere Zukunft haben wird. Die wenigsten glauben, dass die Jugendlichen es besser haben werden. Es herrscht die Meinung vor, „die fetten Jahre sind vorbei“.

Ist die Generationenzugehörigkeit heute ein stärkeres Gerechtigkeitskriterium als soziale Herkunft oder Geschlecht? Ältere Frauen zum Beispiel können die jüngeren doch nur beneiden um die heutigen Kinderbetreuungs- und beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten.

Die Generationenzugehörigkeit ist eine Dimension der sozialen Gerechtigkeit, genau so wie Geschlecht, Herkunft, sozialer Status. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit ist ja in den Gender-Studies schon gut aufgearbeitet worden. Die Generationen-Gerechtigkeit steht in den Sozialwissenschaften noch am Anfang. Meine Professur ist eine der ersten in Deutschland; häufig wird das Fachgebiet auch unter dem Stichwort „Nachhaltigkeitswissenschaft“ betrachtet.

Sie haben dafür gesorgt, dass in der Mensa Prinz Karl ein vegetarischer Tag eingeführt wurde. Was hat das mit Generationengerechtigkeit zu tun?

Der „Veggie-Day“ soll zum Nachdenken darüber anregen, dass unsere Ernährungsgewohnheiten den Klimawandel stärker beeinflussen als das Thema Verkehr. Tierhaltung und Fleischkonsum sind für 18 Prozent der weltweiten Klimagase verantwortlich, der gesamte Transportverkehr hingegen nur für 13 Prozent. Bis 2050 wird eine Zunahme der Fleischproduktion von 229 auf 465 Millionen Tonnen vorhergesagt. Um ein Kilo Rindfleisch zu erzeugen, braucht man 15 000 Liter Wasser, und Süßwasser wird ein immer knapperes Gut auf der Erde. Hinzu kommt die Rodung von Wäldern zur Weide-Gewinnung. Weniger Fleischkonsum wäre also gut für die Generationengerechtigkeit, aber auch für unsere eigene Gesundheit. Zudem würde das Leiden der Tiere vermindert.

Welche der jetzt lebenden Generationen würden Sie als die privilegierteste, welche als die am meisten benachteiligte bezeichnen?

Die Generation, die am Ende des Zweiten Weltkriegs jung war, ist sicher immer noch am meisten benachteiligt. Aber bei den nachfolgenden Generationen kippt es schon. Die Protest-Generation der 1968er, das sind heute die eigentlich Privilegierten.

Die Fragen stellte Ulrike Pfeil

19.01.2012 - 11:30 Uhr

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