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Spitze bei Atomforschung

Karlsruhe genießt weltweit hohe Reputation

Eine der bedeutendsten europäischen Forschungseinrichtungen ist das Institut für Transurane. Dort werden für viele Nuklearbereiche wissenschaftliche Grundlagen geschaffen - aber nur Experten wissen davon.

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HANS GEORG FRANK
Artikelbild: Karlsruhe genießt weltweit hohe Reputation "Heiße Zelle" des Instituts für Transurane: "Wir wollen sehen, wie sich der Brennstoff bei der Kernspaltung verhalten hat." Ein Jahr dauert eine solche Analyse im Hochsicherheitstrakt. Foto: European Communities

Eggenstein-Leopoldshafen Vincenzo Rondinella (60) sucht bei seiner Arbeit Schutz hinter dicken Mauern und Panzerglas. Der Ingenieur aus Genua ist Chef der "Heißen Zelle", einer Abteilung des Instituts für Transurane (ITU) in Eggenstein-Leopoldshafen nördlich von Karlsruhe. Rondinellas Team untersucht Brennstäbe aus kerntechnischen Anlagen in Europa. Über vier Meter lange Metallstangen werden zersägt und analysiert. "Wir wollen sehen, wie sich der Brennstoff bei der Kernspaltung verhalten hat", sagt Rondinella. Welche Blasen haben Spaltgase gebildet? Sind an weißen Pünktchen erkennbare Legierungen entstanden? Wie stark ist das Material angeschwollen? War die Wärmeleitfähigkeit optimal? Wie dick ist die Oxidschicht auf der Außenseite des Brennstabs? 20 verschiedene Eigenschaften werden detailliert kontrolliert und bewertet.

In Rondinellas "hot cell" werden Brennstäbe angeliefert, die einen Probelauf hinter sich haben. Die Auftraggeber möchten wissen, ob ihre Entwicklung den zumeist hochgesteckten Erwartungen entspricht. Eine solche Analyse im Hochsicherheitstrakt dauert etwa ein Jahr. Die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden, sind für die gesamte Nuklearbranche von hohem Wert. Auch wenn sich Deutschland zu einem Atomstopp durchgerungen hat, die Experten im ITU haben genug zu tun: "Wir sind voll ausgelastet", sagt Rondinella. Seine Aufgabe sieht er an als "Mischung von Wissenschaft und Herausforderung", dabei habe er seit 17 Jahren stets das Gefühl, "dass die Arbeit gut ist für die Bürger Europas".

Der Italiener ist einer von 370 Spezialisten aus 32 Ländern, die auf der Gehaltsliste des ITU stehen. Das Institut ist eines von sieben der Gemeinsamen Forschungsstelle der EU. Das Budget - jährlich rund 45 Millionen Euro - wird genehmigt von der EU-Kommission Forschung und Innovation, der die Irin Maire Geoghegan-Quinn vorsteht. Der Leiter in Eggenstein-Leopoldshafen ist seit über fünf Jahren Thomas Fanghänel, ein 56 Jahre alter Sachse, gelernter Chemiker aus Wildenfels bei Zwickau. Wenn der Professor nicht gerade an der Universität Heidelberg seine Vorlesung für angehende Radiochemiker hält, dann tauscht er sich aus mit Kollegen in Japan, China, Indien, USA. Oder er denkt in Singapur über den Kampf gegen nuklearen Schmuggel nach.

"Wir sind eine sehr starke Forschungseinrichtung", sagt Fanghänel, "ohne uns würde viel Wissen nicht generiert werden." Seine Fachleute hätten Beiträge zur Grundlagen- und Materialforschung geleistet, "die sind absolute Weltspitze". Sie hätten, nur ein Beispiel, ausgerechnet, dass der bislang geltende Schmelzpunkt von Plutoniumoxid um 300 Grad falsch gewesen sei: "Das ist entscheidend für die Sicherheit." Das ITU arbeite unabhängig von nationalen und kommerziellen Interessen. Fanghänels internationales Team schneidet nicht nur Uranstäbe auf, es spielt eine Schlüsselrolle nicht allein bei der Behandlung radioaktiven Abfalls, sondern auch beim Aufdecken illegaler Nuklearaktivitäten. Im ITU wird in winzigsten Staubpartikeln aufgespürt, ob jemand den Vertrag zur Nichtverbreitung von Kernwaffen missachtet hat, wenn etwa die Urananreicherung ungewöhnlich hoch ist. "Wir sind schon fündig geworden", sagt der Direktor, "in der Regel stecken militärische Interessen dahinter." Die Resultate seien "eine solide wissenschaftliche Basis für eine politische Auseinandersetzung".

ITU-Experten übernehmen die "Spaltstoffflusskontrolle" der Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague (Frankreich) und Sellafield (England). "Wir prüfen gleichsam deren Buchhaltung", erklärt Fanghänel. Seine Leute arbeiten auch mit dem Bundeskriminalamt zusammen. Taucht nukleares Diebesgut auf, lassen sich DNA und Fingerabdrücke auf dem kontaminierten Material mit einer ITU-Methode entschlüsseln. Wenn im Hafen von Rotterdam verstrahlter Schrott verschifft wird, klären ITU-Detektive den Fall.

Auch die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Internationale Atomenergiebehörde in Wien verlässt sich auf das profunde Wissen aus dem Hardtwald bei Karlsruhe. "Wir genießen weltweit eine exorbitant hohe Reputation", versichert Fanghänel.

Wer solche Koryphäen auf seinem Territorium hat, kann eigentlich stolz sein. Der Bürgermeister von Linkenheim-Hochstetten, Günther Johs, wollte die Expansion des ITU jedoch stoppen. Weil ein Neubau für 45 Millionen Euro auf sein Gemeindegebiet vorrücken muss, probte die Kommune mit 12 000 Einwohnern den Widerstand. "Ganz Deutschland steigt aus der Atomkraft aus", grämte sich Johs, "und ausgerechnet bei uns soll ein Atominstitut ausgebaut werden - das leuchtet mir nicht ein."

Mit Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) als Schlichter ließ sich ein Kompromiss finden. Auf dem ITU-Areal lagern statt 180 Kilo Plutonium nur 80, auch Uran-233 wird reduziert. "Unsere Verpflichtung gegenüber der EU-Kommission können wir im Wesentlichen erfüllen", glaubt Thomas Fanghänel.

Erst der Konflikt mit der Kommune hat ihm gezeigt, dass das ITU bisher zu wenig über seine Bedeutung und Inhalte hinausposaunte. Forscher seinen nun mal keine PR-Genies. Selbst ein ITU-Sympathisant wie Bernd Stober, Bürgermeister der Standortgemeinde, hätte gerne "mehr Transparenz". Das Institut, so scheint es, hat sein Licht gar zu sehr unter den Scheffel gestellt. Spätestens 2013 soll alles anders werden. Dann feiert das ITU seinen 50. Geburtstag.

30.01.2012 - 08:30 Uhr | geändert: 31.01.2012 - 17:25 Uhr

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