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Auf der Suche nach den Klammeraffen

Biologie-Studentin Caroline Schneider erforscht Primaten

Schlangen, Faultiere und Saki-Affen gehören für Caroline Schneider zum Alltag. Die Tübingerin erforscht das Verhalten von Weißwangenklammeraffen im brasilianischen Urwald. In ihrem Blog schildert die 25-Jährige ihre Erlebnisse.

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Fabian Federl
Caroline Schneider (25) nimmt mit einem Mikrophon die Schreie von Weißnasensakis im ... Caroline Schneider (25) nimmt mit einem Mikrophon die Schreie von Weißnasensakis im brasilianischen Urwald auf. Bild: privat

Tübingen/Alta Floresta. „Die Luft ist drückend schwül und das Wasser ist knapp bemessen“, schreibt Caroline Schneider. „Insekten krabbeln in Kleidung, Ohren- und Nasenlöcher.“ Die Tübinger Biologie-Studentin ist seit einem Monat im brasilianischen Urwald – auf der Suche nach den Klammeraffen. Am Rio Cristalino, im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, findet man den sogenannten Weißwangenklammeraffen, über den in der Wissenschaft bisher nicht besonders viel bekannt ist. Liza Veiga, Zoologin an der Universität in Belém, im Norden Brasiliens, leitet ein Projekt zum „Verhalten und Schutz der Primaten vom Rio Cristalino“. Schneider absolviert bei ihr ein Praktikum, vermittelt über das Brasilien-Zentrum in Tübingen.

In ihrem Blog kann man an ihren Erlebnissen teilhaben: „Es ist sechs Uhr morgens und wir sind schon unterwegs auf der Suche nach unseren Affen“, schreibt Schneider. Das feuchte Klima macht der Tübingerin zu schaffen. Auf den Weg gemacht hat sie sich zusammen mit Leandro (einem ortskundigen Waldführer) und Paola, einer Masterstudentin an der Universität Belém, die Affen aufspüren.

Für die 25-jährige Tübingerin gilt die Exkursion als Feldpraktikum. Die Finanzierung ist bei solchen Projekten manchmal schwierig, deshalb sucht sie auch nach Spendern. „Um hier eine wissenschaftliche Arbeit aufzubauen, muss man einen Guide bei sich haben, denn alleine im Regenwald rumlaufen ist viel zu gefährlich. Der Guide kostet umgerechnet 20 Euro am Tag, dass summiert sich!“ Trotzdem soll sie die Erste von vielen werden, die mit Hilfe des Brasilien-Zentrums und der Lodge in Alta Floresta im Regenwald forscht.

„Neun schwarz-weiße Gesichter, alle auf uns gerichtet.“ Die Forscher stehen inmitten einer Gruppe von Klammeraffen. Die Männchen machen Drohgebärden und schütteln die Äste direkt über den Forschern. Als sich die Gruppe aufteilt und einige der Äffchen weiter in die Baumkronen aufsteigen, entscheiden sich die Biologen zu rasten. Sie warten unterhalb der Tiere, ob nicht vielleicht einer der Affen eine „Probe“ für die Wissenschaftler fallen lässt. Und tatsächlich: „Auf einmal geht ein Hagel auf uns hernieder.“ Caroline sammelt eine Kotprobe und geht aus der Schussbahn. Bei einer solchen Fallhöhe sei es nicht einfach, brauchbare Proben zu sammeln.

Plötzlich riecht es nach Jaguar

Eine stärkende Mahlzeit zum Mittagessen ist schwer zu finden. „Auf dem Feld gibt es nur Reis.“ Caroline ist außerdem Vegetarierin, eine Lebensentscheidung, die fleischliebende Brasilianer nur schwer verstehen. Also freut sie sich auf die gelegentliche Abwechslung vom Reis: „Manchmal bekomme ich ein Ei oder Soja-Granulat.“ Nach dem Mittagessen geht es weiter. In einem sehr dichten Teil des Waldes angekommen, dreht sich der Mateiro Leandro mit großen Augen zur Gruppe um. „Er riecht Jaguar!“

Am 14. Februar wird die Studien-Exkursion des Brasilien-Zentrums zu Caroline stoßen. Die Exkursion wird von Rainer Radtke geleitet. Seit 1989 führt er Biologen und Geoökologen aus Baden-Württemberg nach Amazonien. Die Teilnehmer sollen verschiedene Ökosysteme kennenlernen, wie die Savannenlandschaft Cerrado, das größte Feuchtgebiet der Welt Pantanal und die Südausläufer des Amazonasregenwaldes, zu denen auch der Rio Cristalino gehört. „Viele sprechen über Biodiversität, aber die wenigsten wissen, was das wirklich bedeutet“, sagt Radtke. „Wenn bei uns Zugvögel ankommen, haben wir tausende Individuen der selben Art, im Regenwald gibt es einzelne Individuen von tausenden Arten.“

Einige dieser Individuen begleiten auch Caroline Schneider täglich, wie zum Beispiel der haubentragende Kurzlappen-Schirmvogel, einer der größten Singvögel der Welt. „Auf einmal hören wir die Klammeraffen wieder.“ Und Leandro gibt Entwarnung: Es war ein Pekari. Die südamerikanischen Wildschweine sind zwar auch nicht ungefährlich, aber immerhin kein Jaguar. Nach einiger Zeit werden Caroline und ihre brasilianische Kollegin Paola fündig: zwei kopulierende Weißwangenklammeraffen. Es ist also Paarungszeit. „Für eine verhaltensökologische Studie eine wichtige Information“, schreibt sie in ihrem Blog.

Rainer Radtke vom Brasilien-Zentrum erklärt warum die Exkursionen wichtig sind. Sie sensibilisieren die Menschen für den Arten- und Umweltschutz. Ein Beispiel für den Erfolg internationaler Schutzbewegungen ist das Goldgelbe Löwenäffchen 500 Kilometer südöstlich vom Rio Cristalino, in der Megastadt Rio de Janeiro. „Als ich Jugendlicher war, gab es noch etwa 300 Individuen des Goldgelben Löwenäffchens im Bundesstaat Rio de Janeiro“, sagt Radtke. „Jetzt sind es 1500 und der Bestand gilt als stabil.“ Die Frankfurter Zoologische Gesellschaft hatte die Rettung der Primaten mit Geldern und Wissenschaftlern unterstützt. Jetzt sei das nicht mehr nötig.

Auch die Klammeraffen des Rio Cristalino sind bedroht und sind auch dementsprechend schwer zu finden. Caroline und ihre Gruppe verbringen manchmal Tage im Wald, ohne ein einziges Exemplar zu sichten. Täglich laufen die Biologen etwa 15 Kilometer auf der Suche nach den flinken Tieren. Weißwangenklammeraffen sind wahre Meister im Klettern. Sie gehören zu den Affensorten mit einem so genannten Greifschwanz, der länger als der restliche Körper ist. Sie können sich damit an Ästen festhalten und betreten nur sehr selten den Boden unter den Baumkronen.

Eine internationale Artenschutzbewegung

Zurück am Rio Cristalino macht sich die Gruppe auf den Rückweg ins Lager. Es ist schon halb sieben und wird langsam dunkel. Zum Ende des Tages schreibt Caroline: „Es war ein harter Tag, die Muskeln schmerzen, die Stiche sind entzündet und treiben mich in den Wahnsinn und ich habe selten eine Dusche so sehr nötig gehabt, aber oh, wie schön es ist, hier zu sein!“

Die nächsten Tage werden ähnlich ablaufen. Der Urwald hat noch einiges übrig, was entdeckt werden soll. In der nächsten Zeit wird sich die Gruppe auf die Suche nach Weißnasensakis machen und ihre Schreie mit einem Mikrophon aufnehmen. Diese kommen dann in eine internationale Datenbank.

Das ist nicht immer einfach, denn der Regenwald macht seinem Namen alle Ehre: Es regnet hier so stark, dass die Lautstärke des Regens den Donner übertönt. „Man hört eigentlich nichts anderes als das dauerhafte, laute Rauschen des Regens“, schreibt Caroline. Die großen dicken Tropfen durchnässen in Sekunden alles. „Gute Schuhe – unverzichtbar.“

Info http://brasilienexkursion.wordpress.com

26.01.2012 - 08:00 Uhr | geändert: 26.01.2012 - 08:23 Uhr

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