Interview mit Hans Weingartner über sein unheimliches Psychodrama "Die Summe meiner einzelnen Teile"
Die Augenklappe, versichert er dem Tübinger Vorpremieren-Publikum, sei kein politisches Statement, sondern einer Augenentzündung geschuldet. Ein Pirat ist Hans Weingartner aber schon auch. In seinen Filmen attackiert er gern den Kapitalismus und seine Auswüchse: Die Schere zwischen Arm und Reich ("Die fetten Jahre sind vorbei"), das Verblödungsfernsehen ("Free Rainer") und - wenn auch indirekter in seinem neuen Film "Die Summe meiner einzelnen Teile" - den Leistungsdruck und seine psychischen Folgen.
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Klaus-Peter Eichele
Hans Weingartner bei der Vorpremiere seines Films im Tübinger Kino Arsenal.Bild: Metz
Herr Weingartner, Ihr Film "Die fetten Jahre sind vorbei" war im letzten Jahrzehnt einer von nur vier deutschen im Wettbewerb des Festivals von Cannes. Dagegen findet die am Donnerstag beginnende Berlinale mal wieder ohne Sie statt ...
Bisher wurden alle meine Filme von der Berlinale abgelehnt. Inzwischen ärgert mich das nicht mehr. Das Konkurrenz-Denken in diesen Festival-Wettbewerben ist doch genau das, wogegen sich mein neuer Film wendet.
Wie in Ihrem Debütfilm "Das weiße Rauschen" geht es um einen jungen Mann mit einer Psychose. Woher rührt das Interesse an diesem Thema?
Ich weiß es auch nicht. Schon als Schüler habe ich Referate über Schizophrenie gehalten, später Neurowissenschaften studiert. Es ist eben ein faszinierendes, noch immer nicht genau geklärtes Mysterium, was im Kopf eines solchen Menschen vorgeht. Und generell finde ich Leute mit einem Knall einfach interessanter als die Normalen.
Ihr letzter Film, die grelle Mediensatire "Free Rainer", musste heftige Kritik einstecken. Zu didaktisch, zu naiv, hieß es. War das mit ein Grund, wieder auf das Seelenleben eines Menschen zu fokussieren?
Peter Schneider (links) in "Die Summe meiner einzelnen Teile".
Nach "Free Rainer" hatte ich selbst einen kleinen Burnout, vielleicht war das der Grund, einen stilleren Film zu machen, dem das politische Anliegen nicht auf der Stirn geschrieben steht. Aber das heißt nicht, dass ich mit Gesellschaftskritik abgeschlossen habe: Sie ist diesmal nur nicht so explizit, kommt eher aus dem Inneren der Figur heraus.
Was genau kritisieren Sie?
Erfolg, Leistung und Profit sind mehr denn je das Maß der Dinge. Wenn die Wirtschaft mal ein Jahr nicht wächst, bricht sofort Panik aus. Es geht nur noch um Ratings - was das für den Einzelnen bedeutet, spielt absolut keine Rolle mehr. Martin, die Hauptfigur, bricht unter diesem Druck zusammen. In der Psychiatrie soll er wieder zum Funktionieren gebracht werden, aber das klappt nicht. So ein Schlag kann übrigens jeden treffen: 20 bis 30 Prozent aller Menschen haben im Lauf ihres Lebens eine Depression. Es werden heute doppelt so viele Antidepressiva verschrieben wie noch vor 10 Jahren.
Sind Sie ein Anhänger der Antipsychiatrie?
Nein. Medikamente sind bei psychischen Krankheiten manchmal notwendig. Aber bitte mit Augenmaß und nicht nur diejenigen, bei denen für die Pharmaindustrie der größte Profit herausspringt.
Statt in Medikamenten sucht Martin sein Heil im Wald, wo er zusammen mit einem kleinen Jungen ein zunächst glückliches Einsiedlerleben führt. Ist der Wald unsere Rettung?
Die Grundfrage ist doch: Wenn ich eine solche Krise habe, vertraue ich mich den Institutionen an oder versuche ich, mir selbst herauszuhelfen? Nach seiner verheerenden Erfahrung mit der Psychiatrie wählt Martin unbewusst den Weg der Selbsttherapie. Er geht an einen Ort, wo ihn keiner mehr auf den Prüfstand stellt, wo er den Ballast der technisierten Zivilisation vollständig abschütteln kann. Ich bin in Vorarlberg in einem Dorf am Waldrand aufgewachsen. Wenn ich als Kind mit Erwachsenen Stress hatte, bin ich oft stundenlang durch den Wald gelaufen und stark wieder herausgekommen. Im Wald merkst du erst, was für ein starkes wildes Tier in dir steckt. Und wie sehr dieses Tier die Freiheit braucht.
"Die fetten Jahre sind vorbei" propagiert den politischen Widerstand gegen die Leistungsgesellschaft, der neue Film den Ausstieg aus ihr. Hat sich Ihre politische Haltung geändert?
Es scheint so. Der Kapitalismus ist ein Zug, der auf den Aufgrund zurast. Ich glaube nicht mehr so recht daran, dass man ihn aufhalten kann, indem man sich auf die Schienen setzt. Vielleicht ist es sinnvoller, runterzuspringen.
Martin wird von dem bislang kaum bekannten Schauspieler Peter Schneider gespielt. War das eine bewusste Entscheidung: Diesmal kein Moritz Bleibtreu, kein Daniel Brühl?
Auf jeden Fall. Mein erster Ansatz war, einen Film im Stil des Neorealismus zu machen. Ein bekanntes Gesicht wäre dafür völlig unpassend gewesen. Ich bin sehr froh, Peter Schneider gefunden zu haben. Authentischer als er kann man diese Figur nicht spielen.
Vor 50 Jahren wurde von deutschen Filmemachern das Oberhausener Manifest mit dem berühmten Slogan "Papas Kino ist tot" verkündet. Brauchen wir allmählich ein neues?
Glaube ich nicht. Es gibt heute viele tolle Regisseure in Deutschland. Was fehlt sind die starken Drehbücher. In Deutschland fließt nur ein Prozent der Filmförderung in die Drehbücher, die Autoren nagen am Hungertuch. Das ist völlig idiotisch. Denn das Drehbuch ist das Fundament. Man kann zwar auch aus einem guten Drehbuch einen schlechten Film machen, aber niemals aus einem schlechten einen guten.
Ein sehr schöner Film, der mitunter fast dokumentarisch wirkt, und trotz der Thematik unerwartet witzig. Besonders die kleine Schwester hatte meine Sympathien. Das Ende bleibt offen, und sorgt so für Gesprächstoff. Sehenswert!