"Zettl"-Macher Helmut Dietl über Politik, Berlin, Humor und TV
Einst hat er Kult-Komödien fürs Fernsehen geliefert, mit "Schtonk" feierte Helmut Dietl dann sein erfolgreiches Kinodebüt. Nun kehrt er mit "Zettl" zu den Geschichten eines Klatschreporters zurück.
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DIETER OSSWALD
Herr Dietl, "Das Leben schreibt die linkesten Kisten", lassen Sie Ihren "Zettl"-Reporter Bully im Film sagen. Wie link und lustig finden Sie die Affären des Bundespräsidenten?
HELMUT DIETL: Ich bin da ambivalenter Meinung. Natürlich ist das Krisenmanagement von Wulff absolut desaströs. Andrerseits ist geradezu grotesk, worüber sich da die Republik erregt. Sei es über ein Kochbuch, das die weltberühmte niedersächsische Küche preist, wofür 4000 Euro ausgegeben wurden. Oder sei es eine wichtige Hauptstadt-Journalistin, die allen Ernstes fordert, dass man fürs Übernachten bei seinen Freunden 150 Euro zahlen soll. Haben wir wirklich keine anderen Probleme?
Wie bewerten Sie Affäre aus Sicht des Komödien-Autors?
DIETL: Vieles in dieser Affäre ist absolut satirereif - wobei wir noch nicht das Ende kennen. Man muss sich allerdings klar sein, dass Wulff nichts anderes ist als jene Bande, über die die Kugel gespielt wird, um Merkel zu treffen. Um etwas anderes geht es hier doch nicht.
Trauen Sie sich, Politikern zu trauen?
DIETL: Ich habe Politikern schon seit langem nicht getraut, ebenso wenig wie den Medien. So gesehen ist die Welt für mich in Ordnung, da gibt es wenig Neues für mich.
Hat nach sieben Jahren wieder einen Kinofilm gedreht: Helmut Dietl. Fotos: dpa
Stören Sie die ständigen Vergleiche von "Zettl" mit "Kir Royal" oder sind Sie darauf stolz?
DIETL: Die ständigen Verweise machen mir schon ein wenig zu schaffen, schließlich kann man München vor 25 Jahren nicht mit Berlin Mitte von heute vergleichen. Die Dinge haben sich verändert, man kann gewisse Sachen nicht mehr so behandeln wie früher. Das habe ich getan - offensichtlich zum Leidwesen mancher Kritiker, die sich gewünscht haben: "Bitte alles genauso wie früher, bloß anders!"
Mit München gingen Sie damals liebevoller um. Fühlen Sie sich unwohl in der Hauptstadt?
DIETL: Nein, ich mag diese Stadt, ganz besonders diesen Bezirk Berlin-Mitte. Hier kann man erleben, was wirklich passiert. Wenn man spazieren geht, hat man immer das Gefühl, im Zentrum der Entscheidungen zu sein. Für einen Satiriker ist das geradezu ein Geschenk
Was halten Sie vom Slogan "Berlin ist arm, aber sexy"?
DIETL: "Berlin ist sexy" stimmt absolut, ob nun arm oder reich, das weiß ich nicht - das spielt auch keine Rolle. Auf alle Fälle besitzt diese Stadt ein erotisches Flair.
Mit einem Etat von 10 Millionen Euro ist ihr Werk nicht gerade ein Schnäppchen. Was hat "Zettl" so teuer werden lassen?
DIETL: Im internationalen Vergleich liegt unser Budget gar nicht so hoch. Die Kosten hängen einfach mit dem ganzen Aufwand für solch eine Produktion zusammen. Der ist wesentlich größer als früher. Und natürlich bekommen auch Schauspieler beim Film eine höhere Gage als beim Fernsehen.
Michael Bully Herbig als Max Zettl und Karoline Herfurth als seine Geliebte Verena in "Zettl - Unschlagbar charakterlos".
Apropos Fernsehen: Woran lag es, dass ARD und ZDF sich Ihrem Projekt verweigert haben?
DIETL: Das müsste man die dortigen Verantwortlichen fragen, mich hat diese Ablehnung auch gewundert. Den Stoff habe ich wie Sauerbier angeboten, aber da war nichts zu machen. In "Zettl" werden viele Dinge beim Namen genannt, was bei den öffentlich-rechtlichen Sendern mit ihren ganzen politischen Gremien eben nicht sehr beliebt zu sein scheint.
Woran liegt es, dass Humor hierzulande so wenig Charme und Leichtigkeit besitzt?
DIETL: Humor in Deutschland ist eine problematische Angelegenheit. Das hat durchaus etwas mit unserer Vergangenheit zu tun, viele Künstler wurden im Nationalsozialismus aus diesem Land vertrieben. Anschließend ist dieser plumpe Stammtisch-Humor eingezogen - da kann man sich tatsächlich schon ein bisschen einsam fühlen.
Kann man noch etwas erreichen beim Publikum?
DIETL: Wie weit Theater und Film moralische Anstalten sind, weiß ich nicht. Aber letztlich ist meine Arbeit für mich immer eine Frage der Moral. Wenn man das Publikum nicht für dumm verkauft und seine Intelligenz anspricht, nehmen die Zuschauer ein Thema auch willig an.
Wie viel Fernsehen schauen Sie abgesehen von der täglichen Kultursendung auf 3 Sat. Etwa auch Mario Barth und Harald Schmidt?
DIETL: Mario Barth habe ich noch nie gesehen - ich habe beschlossen, ihn nach meinem Tod täglich anzuschauen. Schmidt schaue ich gelegentlich, denn für Harald habe ich eine Schwäche, der ist ein Zyniker reinsten Wassers.
Helmut Dietl schrieb in den 70ern und 80er Jahren mit "Münchner Geschichten", "Der ganz normale Wahnsinn", "Monaco Franze" und "Kir Royal" Fernsehgeschichte: Es sind Juwelen der humoristischen und satirischen TV-Unterhaltung. Dabei arbeitet er häufig mit Starautor Patrick Süskind zusammen.
Sein Kinodebüt "Schtonk!" (1992) über den Skandal der gefälschten Hitler-Tagebücher wurde für den Oscar nominiert und gilt als eine der besten deutschen Filmkomödien überhaupt. Danach folgten die Filme "Rossini" (1997), "Late Show" (1999) und "Vom Suchen und Finden der Liebe" (2005). Der heute 67-Jährige Dietl wurde mit allen bedeutenden deutschen Filmpreisen ausgezeichnet.
Zettl, Dietls neuer Film, ist quasi eine Fortsetzung von "Kir Royal"; das Buch schrieb er mit Benjamin von Stuckrad-Barre. Statt Münchens Schickeria der 80er wird die Berliner Society karikiert, statt Baby Schimmerlos steht Max Zettl (Michael Bully Herbig) im Zentrum. Der will um jeden Preis in Berlin Karriere machen - was ihm gelingt, weil er weiß, was man wissen muss und, viel wichtiger, was niemand wissen darf. Mit Charme und ohne Skrupel steigt er vom Chauffeur zum Chefredakteur einer Online-Publikation auf. Mit Paparazzo-Urgestein Herbie (Dieter Hildebrandt) an seiner Seite nimmt er die Reichen und Mächtigen, Schönen und Schamlosen, Halbpromis und Volltrottel der Berliner Republik ins Visier.
Die Besetzung ist wie immer bei Dietl toll: Mit dabei sind auch Senta Berger, Ulrich Tukur, Harald Schmidt, Sunnyi Melles, Hanns Zischler, Gert Voss, Christoph Süß und Götz George.
Ein sehr schöner Film, der mitunter fast dokumentarisch wirkt, und trotz der Thematik unerwartet witzig. Besonders die kleine Schwester hatte meine Sympathien. Das Ende bleibt offen, und sorgt so für Gesprächstoff. Sehenswert!